Drucken Versenden

Kampagne an der Autobahn

Schock-Plakate sollen Raser bremsen

Foto: DVR

Stuttgart - Zerbeultes Blech als Warnung: Mit großflächig plakatierten Unfallfotos wird auf Autobahnen und Bundesstraßen derzeit versucht, notorische Raser zu einer umsichtigen Fahrweise zu bewegen. Die Schockwerbung am Straßenrand gilt als Erfolg - auch weil die Zahl der Verkehrstoten bundesweit deutlich gesunken ist.

Die Windschutzscheibe ist gesplittert, der Kotflügel nur noch Schrott. Kein Zweifel: Bei diesem Unfall hat es ordentlich gescheppert. Für Beklemmung beim Betrachter sorgt aber nicht allein die zerdellte Karosserie. Es ist der kleine rote Aufkleber mit der Aufschrift "Baby an Bord", der beim Blick auf das Plakat eine Gänsehaut auslöst. "Was ist mit dem Kind passiert", fragt man sich unwillkürlich. Hat der süße Säugling mit dem orangefarbenen Schnuller den Crash überlebt?

Der Grübeleffekt auf der Autobahn ist Ziel einer bundesweiten Kampagne für mehr Verkehrssicherheit. Unter dem Motto "Runter vom Gas" werden die Autofahrer bundesweit aufgefordert, ihr Tempo zu drosseln. Zwischen Friedrichshafen und Flensburg sind an Autobahnen und Bundesstraßen etwa 350 großformatige Plakate angebracht, auch an vielen Rastplätzen ist der Warnhinweis zu finden. Schnelles Fahren, so die Botschaft, gefährdet die Gesundheit.

Dass die Schockwerbung am Straßenrand zarten Gemütern auch auf den Magen schlagen könnte, ficht die Urheber der Kampagne nicht an. "Wir wollen deutlich zeigen, worum es geht: Wer rast, riskiert nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch den Tod von anderen", verteidigt Clara Bormann vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat die drastischen Motive der Plakatserie.

Das Unfallbild soll bei den Autofahrern bewusst Emotionen wecken. "Bei jährlich knapp 5000 Verkehrstoten und mehr als 430.000 Verletzten müssen wir etwas machen, das die Aufmerksamkeit erregt", erklärt Clara Bormann. Neben dem Unfallbild mit dem "Baby an Bord"-Signet gibt es noch zwei weitere Motive. Auf einem Schwesterplakat mit einem verunglückten Motorrad suggeriert ein Luftballon mit der Aufschrift "Just Married", dass hier ein junges Paar in den Flitterwochen in den Tod gerast ist. Bei der dritten Version deutet ein "Abi 2008"-Aufkleber auf einer zertrümmerten Heckscheibe an, dass vor allem junge Fahrer den Fuß vom Gaspedal nehmen sollten - im Straßenverkehr kann eine glückliche Jugend jäh enden.

Entwickelt wurde die Kampagne von der Agentur Scholz & Friends. Die Ideenwerkstatt aus Berlin und Hamburg betreut fürs Land Baden-Württemberg auch die Imagewerbung "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" und wurde jüngst als beste deutsche Agentur ausgezeichnet. Für "Runter vom Gas" steht den Werbestrategen ein Jahresbudget von drei Millionen Euro zur Verfügung, Auftraggeber sind das Bundesverkehrsministerium und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat. Schon der Auftakt zur Kampagne erregte bundesweit große Aufmerksamkeit - bei der ersten Plakatserie wurde mit fiktiven Todesanzeigen für eine umsichtige Fahrweise geworben. Vor allem CDU-Politiker protestierten gegen die "geschmacklose Verwendung des christlichen Kreuzes", bei den Organisatoren der Kampagne gingen Tausende E-Mails ein. "Wir sind sehr zufrieden mit der Resonanz", heißt es bei Scholz & Friends. Die dritte Plakatserie soll im Spätsommer starten.

Dass dabei - wie etwa in England oder auch in Skandinavien durchaus üblich - noch drastischere Bilder verwendet werden, ist laut Clara Bormann nicht zu befürchten. "Es würde keinen Sinn machen, blutende Opfer oder Leichenteile zu zeigen. Wir wollen die Leute ja nicht provozieren, sondern nur zum Nachdenken anregen."

Für Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee hat sich die Kampagne schon jetzt gelohnt: Nicht zuletzt durch die Warnung vor zu schnellem Fahren sei die Zahl der Verkehrstoten im vergangenen Jahr von 5000 auf 4500 Opfer gesunken - ein Rückgang um zehn Prozent. Eine Umfrage ergab, dass jeder fünfte Fahrer durch die Plakatmotive in Familie und Freundeskreis übers richtige Verhalten im Straßenverkehr diskutiert.
 

Sascha Schmierer

04.06.2009 - aktualisiert: 04.06.2009 10:54 Uhr

 



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise