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Uni Stuttgart

Streichorchester mit Misstönen

Foto: dpa

Stuttgart - Die Uni Stuttgart will in den nächsten Jahren 24 Professuren, von denen 16 aus den Geisteswissenschaften stammen, umwidmen, um ihr Forschungs- und Technikprofil zu schärfen. Diese Pläne des Rektors stoßen auf scharfen Protest. Von Kahlschlag und von einem "hochschulpolitischen Holzweg" ist die Rede.

 
 


Vor dem Rektoramt der Universität Stuttgart haben sich trotz der Ferien protestierende Studenten versammelt. Alle haben sich blaue Müllsäcke übergestülpt. Die 25-jährige Kaja Tulatz, Studentin der Philosophie im zehnten Semester, erklärt die Verkleidung. "Unser Rektor sieht uns als Müll, den er loswerden will."

Mit seinem Masterplan, 24 Professuren umzuwidmen und damit vor allem die Philosophisch-Historische Fakultät 9 und die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät 10 personell auszudünnen, hat Professor Wolfram Ressel, der Rektor der Uni Stuttgart, für helle Aufregung gesorgt. Besonders die Studenten der geisteswissenschaftlichen Richtungen fürchten um die Zukunft ihrer Ausbildung. Während der Rektor vor den Medien seine Absichten darlegt, stürmt der Bildungsnachwuchs den Senatssaal. "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut", wird skandiert.

Ressel verspricht, dass trotz der geplanten Umstrukturierung von Professuren und Instituten "alle eingeschriebenen Studenten ihre Studien hier an der Uni zu Ende bringen können". Auf Nachfrage nennt er aber Ausnahmen. So könnten zwar begonnene Bachelor- oder Masterarbeiten beendet werden. Nach einem künftigen Bachelorabschluss in einem der fraglichen Fächer müsse das folgende Masterstudium aber an einer anderen Uni beendet werden.

Hinter den Kulissen wird offenbar zwischen dem Rektor, den Fakultäten und unter Einflussnahme des Ministeriums heftig um die Streichliste der Professuren gerungen. 16 sollen die Geisteswissenschaften einbüßen, weitere acht müssen die Ingenieur- und Naturwissenschaften opfern.

Konkret sollen das Historische Institut auf drei Professuren verzichten, Kunstgeschichte auf zwei, Literaturwissenschaft auf fünf und Wirtschaftswissenschaften auf sechs. Die Begründung von Ressel ist so knapp wie hart: "Wir wollen einerseits die künftigen Schwerpunkte fokussieren und andererseits Bereiche zurückfahren, die nicht mehr im Zentrum der Uni stehen." Neue Schwerpunkte sollen Zukunftsthemen sein wie Simulationstechnologie, Materialwissenschaften und Komplexe Systeme.

Bei den Ingenieur- und Naturwissenschaften ist die Streichliste noch nicht geschrieben. Die zuständigen Fakultäten müssen aber laut Ressel "zeitnah Vorschläge bringen". Bluten müssen aber Architektur, Siedlungswasserbau, Biologie, Strömungsmechanik, anorganische Chemie, Mathematik und theoretische Physik. Ressel sieht die Streichungen auf diesem Gebiet als Beleg dafür, dass "es nicht das Ziel ist, die Geistes- und Sozialwissenschaften abzuschaffen". Es gehe vielmehr um eine Straffung und Neuausrichtung des Profils. Hintergrund ist für den Rektor, seine Uni rechtzeitig fit zu machen für die geplante Exzellenzinitiative II. Bei der ersten Auflage, bei der enorme Bundesmittel an die besten Universitäten verteilt wurden, hatte die Uni Stuttgart eher bescheiden abgeschnitten.

Inzwischen ist der Masterplan massiv in der Kritik. Die Grünen im Landtag sprechen vom "Kahlschlag bei Geistes- und Sozialwissenschaften", die SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt warnt die Uni davor, einen "hochschulpolitischen Holzweg" zu beschreiten. "Wir brauchen mehr Breite und keine Schmalspur-Ausrichtung", sagt sie und kündigt an, ihre Partei werde die Studierenden bei den Protesten unterstützen wird.

Auch aus der Reihe der Professoren kommt Protest. "Die Pläne des Rektors laufen auf einen kulturellen Kahlschlag hinaus", sagt Professor Peter Scholz, Geschäftsführender Direktor des Historischen Instituts. Leidtragende wäre nicht nur die Uni. "Es wäre eine kulturelle Schande für Stuttgart, ohne Geisteswissenschaften dazustehen", sagt Scholz. Nicht nur der Verlags- und Medienstandort würde geschädigt, auch Institutionen wie die Staatsgalerie, das Literaturhaus, das Italienzentrum, das Haus der Geschichte, die zahlreichen Gasthörer, mithin alle Bürger würden vor den Kopf gestoßen. "Der gute Ruf der Landeshauptstadt und der Universität werden der Lächerlichkeit anheimfallen", heißt es in einer Stellungnahme des Historischen Instituts.

Acht Professoren der Fakultät 9, die nicht auf der Streichliste stehen, gehen auch auf Distanz zu Ressel. "Eine weitere Reduzierung der Lehrstühle und damit der Kompetenz und Vielfalt würde zwangsläufig dazu führen, die kritische Masse für innovative und interdisziplinäre Forschungsvorhaben zu verlieren", teilen die Professoren mit.

"Wenn wir uns dem Wettbewerb nicht stellen, gehen wir unter", verteidigt sich Ressel. Er kündigt an, seine Pläne bis September vom Senat und Unirat beschließen zu lassen und die Zustimmung des Ministeriums einzuholen. Dann macht er mit einer kurzen Bemerkung klar, wie sehr ihm die äußeren Zwänge und die Proteste zusetzen. "Ich bin ein Getriebener", sagt der Rektor.
 

Klaus Eichmüller

04.06.2009 - aktualisiert: 04.06.2009 18:56 Uhr

 


Lesermeinungen
07.06.2009 22:47
Autor: Torsten Werner

Die Stuttgarter Hochschule ist ein exaktes Spiegelbild unserer globalen Technologiegesellschaft. Und dies ist nicht als Lob zu verstehen. Die Uni-Aktivitäten in den Ingenieurwissenschaften zu verstärken und dabei die Geisteswissenschaften langsam vom Teller zu kippen, dies ist der Trend unserer Zeit. Trends machen also auch vor renommierten Universitäten nicht halt. Das Mithecheln um den Technikkuchen hat begonnen. Und Mitmachen zeugte noch nie von Größe, sondern von Einfallslosigkeit, Desorientiertheit und wenig Eigenständigkeit. Deshalb sind Trends und besonders die Teilnahme an Trends als minderwertig und als dumm einzustufen. In diesen Tagen geht es nur noch um Funktionen und die findet man vor allem in Naturwissenschaft und Technik. Alles muss funktionieren, das Fließband bei Porsche, die Kaffeemaschine zu Hause, die U-Bahn, die Frühstücksbrezel und auch der Mensch muss sich dem alltäglichen Funktionsablauf unterordnen. Keine Zeit mehr für ungebundene, funktionslose Gedanken und ungebremste Sprache. Die Welt die uns umgibt wird Tag für Tag mehr funktionalisiert. Keiner freut sich mehr an seiner eigenen individuellen Existenz oder an einem schönen Gedicht. Euphorische Hochgefühle entstehen nur noch durch Konsum wie beim Achterbahnfahren oder nach einer Pille mit Amphetaminen. Dies sind alles Aktivitäten die einer Funktion genügen, der Funktion bitte mache mir jetzt und hier Glücksgefühle, ich werde dafür bezahlen. Es scheint so, als vereinnahmt unser funktionsorientiertes Verhalten jetzt auch die Uni Stuttgart. Neue, freie Gedanken kann diese Konsumgesellschaft kaum noch „produzieren“. An den Hochschulen ist dieser Trend jetzt angekommen. Auf den Stuttgarter Unigebäuden könnte bald „Funktionieren statt Denken!“ stehen. Und warum ? Weil Achterbahnen von Ingeneuren und Ecstasy von Chemikern, aber nicht von Dichtern und Denkern entwickelt wurde!

 

07.06.2009 18:32
Autor: Adrian Lobe

Dass die Geisteswissenschaften an der Universität Stuttgart jahrelang ein Schattendasein fristeten, ist kein Geheimnis. Dass ihnen nun durch eine einseitige Ausrichtung auf naturwissenschaftliche Fakultäten endgültig der Garaus gemacht werden soll, ist ein hochschulpolitischer Skandal.
Rektor Ressel spricht beschönigend von einer "Umwidmung der Professuren", was für Historiker und Philosophen nichts anderes als Kahlschlag bedeutet. Das Humboldtsche Ideal einer universellen Gelehrsamkeit wird hierbei einer irrsinnigen Marktlogik geopfert. Motto: Geld vor Vielfalt. Dabei ist fraglich, ob die Universität überhaupt bei der Verteilung der 18 Milliarden Euro Fördergelder aus dem Hochschulpakt II berücksichtigt wird.
Klar ist, dass der Kulturstandort Stuttgart durch die Umstrukturierung erheblichen Schaden nimmt. Eine Landeshauptstadt mit hoch geachteten Institutionen wie Oper, Staatstheater oder Liederhalle kann es sich nicht erlauben, junge Menschen mit einer zurechtgestutzten Universität in die Flucht zu treiben. Stuttgart sollte vielmehr durch ein qualitativ hochwertiges, breit gefächertes Lehrangebot talentierte Menschen anziehen.


 

06.06.2009 20:59
Autor: Peter Schild

Universitas adieu! Die "Exmatrikulation" von Geisteswissenschaften entspringt genau jenem kurzfristigen und kurzsichtigen Effizienz- und Rentabilitätsdenken, das uns in der Wirtschaft in die gegenwärtige Krise geführt hat. Fachidiotie als Bildungsziel - was daran "exzellent" sein soll, entzieht sich dem gesunden Menschenverstand.
Peter Schild, OStD i.R., Böblingen

 

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