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Städte reagieren auf Trinkgelage

Gelbe Karte für zuviel Alkohol auf Straßenfesten

Foto: dpa

Stuttgart - Immer mehr Jugendliche trinken bis zur Besinnungslosigkeit und landen mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus. Städte und Gemeinden, Polizei und Jugendzentren wollen verhindern, dass das dies auch bei der jetzt beginnenden Straßenfest-Saison so ist - und verhängen notfalls ein Alkoholverbot.

 
 


Die Stadt Backnang hat zu dem drastischen Mittel gegriffen. Beim Straßenfestes Ende Juni ist im Bereich des Rotgerberwegs und der Tiefgarage Biegel in den Nächten zum Samstag und zum Sonntag Alkohol tabu. In den vergangenen beiden Jahren ist es dort zu Trinkgelagen gekommen - trotz Jugendschutzkontrollen, Platzverweisen und Briefe an die Eltern der Störenfriede.

Soweit wie in Backnang wollte man im Rathaus von Winterbach (Rems-Murr-Kreis) nicht gehen. Die Gemeinde untersagt aber Festgästen, alkoholische Getränke mitzubringen. Ob sich alle an das Verbot halten, kontrolliert die Gemeinde. Die beiden Tankstellen verkaufen nach 21 Uhr weder Bier noch Hochprozentiges. "Mit der Aktion versuchen wir, wirklich etwas zu tun", sagt Bettina Steurer vom Ordnungsamt. Früher haben sie im Mitteilungsblatt Prominente für den Jugendschutz werben lassen.

Die Winterbacher reagieren mit ihrem Verbot auf das Verhalten der Jugendlichen. In der Regel bringen sie ihre hochprozentigen Mixgetränke mit und lassen die Flasche irgendwo am Rand von Straßenfesten kreisen. Das Tückische daran: Keiner weiß, was er da trinkt und kann die Wirkung nicht abschätzen. Das jedenfalls hat Hajo Zimmermann von der Mobilen Jugendarbeit in Filderstadt beobachtet. Zusammen mit Kollegen von der Jugend- und Drogenberatung, vom Jugendzentrum Z und der Schulsozialarbeit hat er das Projekt gegen Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen "Schau hin..." aus der Taufe gehoben. Auslöser waren auch die im Kreis Esslingen gestiegenen Zahlen von Alkoholvergiftungen bei Jugendlichen. In den Kreisen der Region haben sie sich in der Zeit von 2001 bis 2007 nahezu verdoppelt.

Bei den Straßenfesten in Bernhausen, Plattenhardt und Bonlanden im Juni und Juli sind der Filderstädter Streetworker und Kollegen in Teams unterwegs, um vor allem mit Jugendlichen über ihren Alkoholkonsum ins Gespräch zu kommen. Ein Quiz mit Fragen ob man schneller nüchtern wird, wenn man sich übergibt, hilft dabei. "Wir sehen uns in der Rolle des Freundes, der informiert", sagt Zimmermann. Bei jedem Rausch werden Millionen von kleinen Gehirnzellen zerstört. Alkohol macht dick, lässt die sportliche Leistungsfähigkeit absacken und führt zur Erektionsschwierigkeiten. Und wie reagieren die Jugendlichen auf ihn? "Viele nehmen es positiv wahr, wenn sich jemand für sie interessiert."

Ein ähnliches Konzept wie in Filderstadt probiert nun auch erstmals die Stadt Kornwestheim bei den Kornwestheimer Tagen am 13. und 14. Juni aus. Jugendliche werden über die Gefahren von Alkohol aufgeklärt, Eltern und Wirte über das Jugendschutzgesetz: kein Bier und kein Wein für Jugendliche unter 16 Jahre, keine Spirituosen für unter 18-Jährige.

Über das Jugendschutzgesetz informieren die Polizeidirektionen der Region vor Beginn der Straßenfeste die Standbetreiber. Die Esslinger Polizei etwa hat vor zwei Jahren die Gelbe Karte mit Hinweisen auf das Jugendschutzgesetz entwickelt und seither an Festwirte, Tankstellen und Einkaufsmärkte verteilt. Wer sich nicht an die Regeln hält, dem drohen saftige Geldstrafen. Seit April gilt im Land ein neuer Bußgeldkatalog. Wirte, die Alkohol an Jugendliche ausschenken, müssen mit Geldstrafen von bis zu 3500 Euro rechnen. Kontrollen von Polizeibeamten in Zivil und Uniform sind die Regel. "Es will keiner der Spielverderber sein", sagt der Esslinger Polizeisprecher Fritz Mehl. Richtige Feierlaune aber kommt nur bei einem reibungslosen Ablauf auf.

Auch während der Straßenfest-freien Zeit werden Treffpunkte von Jugendlichen an Tankstellen und vor Einkaufsmärkten kontrolliert. Die Böblinger Polizei etwa hat mit dem Kreis und den Kommunen im Mai 2007 das Programm "JUBB - Jugendschutz im Kreis Böblingen" gestartet. Wenn alkoholisierte und gewaltbereite Jugendlichen aufgegriffen werden, geht ein Brief an die Eltern. Seit dem Projektstart bis April dieses Jahres sind 595 Schreiben verschickt worden. Im Rems-Murr-Kreis kennt man den blauen Brief auch. Die Stadt Ludwigsburg will ihn einführen. Wann ist noch ungewiss.

Die Kreise Esslingen und Göppingen beteiligen sich an dem Projekt "HaLT". Werden volltrunkene Jugendliche in eines der Kreiskrankenhäuser eingeliefert, werden die Präsidentenbeauftragten der Kreise benachrichtigt. Wenn die Eltern die Ärzte von der Schweigepflicht entbinden, kann vom Krankenhaus aus der Kontakt zu einer Beratungsstelle geknüpft werden.
 

Birgit Klein

05.06.2009 - aktualisiert: 05.06.2009 19:37 Uhr

 


Lesermeinungen
09.06.2009 15:47
Autor: t.strohm

Alkoholmissbrauch ist nur die Wirkung, nicht die Ursache. Wer nimmt sich denn heute noch Zeit für die Jugendlichen? Wo sind denn nicht kommerzielle Freizeitangebote? Jugendliche werden von der Industrie als Käufer ausgenutzt, damit deren Gewinn steigt, egal was dabei passiert. Vorbilder / Idole, die auch mit den Jugendlichen Kontakt haben sehe ich weit und breit keine. Wer Jugendliche kritisiert, sollte daran denken, dass wir alle sie miterzogen haben!

 

08.06.2009 17:09
Autor: Carina Röhrle

Das Alkohoverbot wird das Problem auf keinste Weise beheben. Im Gegenteil, nun werden noch mehr Jungendliche sich ihren eigenen Alkohol von zu Hause mitbringen und ihn dann in Übermengen am Straßenfest konsumieren. Das Verbot ist eine Strafe für Händler und Erwachsene welche ausgiebig am Straßenfest feiern möchten.


 

08.06.2009 02:23
Autor: Krümelmonster

Es ist wirklich erschreckend, wie hilflos unsere Politik mittlerweile ist. Verbote scheinen heute das Allheilmittel für alles zu sein. Ich glaube um ehrlich zu sein nicht mal, daß der Alkoholkonsum unter Jugendlichen im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten überhaupt zugenommen hat. Daß heute mehr Alkoholvergiftungen gemeldet werden, liegt schlicht an der zunehmenden rund-um-die-Uhr Überwachung. Früher wurde nicht permanent alles per Handy überall hin übermittelt und wegen jedem Rausch gleich der Notarzt gerufen.

Erschwerend kommen noch unsere hysterischen Massenmedien hinzu, die aus jedem noch so kleinen Symptom eine neue Epidemie heraufbeschwören. Dank neuer englischsprachiger Begriffe kann man jetzt auch noch Veranstaltungen anprangern, an denen vermutlich 90% aller aufgescheuchten Eltern in ihrer Jugend ebenfalls teilgenommen haben.

Aber Flatrate-Party klingt irgendwie doch gefährlicher als die Pauschal-Preise, die man früher auf solchen Parties hatte, weil fremdländisch.

Wenn die panischen Hühnerhäufen, die sich heute Eltern schimpfen, mal ein wenig an ihre eigene Jugend zurückerinnern würden, würde ihnen vielleicht auffallen, daß es früher sogar noch um einiges wilder zuging, und wir dennoch alle überlebt haben. Aber vielleicht haben sie sich auch einfach nur ihr Erinnerungsvermögen weggesoffen.

 

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