Studenten der Uni Stuttgart tragen ihre Universität zu Grabe Foto: Kraufmann
Stuttgart - Nach zwei Jahren Studiengebühren und der Umkrempelung der Unis durch Bachelor- und Masterstudiengänge hängt der Haussegen in den deutschen Unis schief. In Stuttgart traten gestern Hunderte Studenten in Streik. Eines ihrer Ziele: Den geplanten Abbau der Geisteswissenschaften zu stoppen.
Wenn sich die Entschlossenheit von Studenten an der Zeit ablesen lässt, an der sie morgens aus den Federn kommen, dann sind Björn, Sebastian, Lisa und die anderen sehr entschlossen: Seit sieben Uhr stehen sie auf dem Campus der Uni Stuttgart, sortieren Flugblätter, kleben Plakate und richten ein Zelt gegen den ständigen Nieselregen her. Sie wollen auch die Ersten erreichen, die gegen acht auf den Campus tröpfeln.
Um diese Zeit hinausgetrieben hat die Studenten der sogenannte Masterplan des Stuttgarter Uni-Rektors Wolfram Ressel. Dieser sieht unter anderem vor, allein 40 Prozent der Professuren im geisteswissenschaftlichen Standbein der Uni zu streichen und dafür neue Hochschullehrer für Ingenieure einzustellen. Eigentlich stehen Björn, Sebastian, Lisa und die anderen aber wegen noch viel mehr hier auf dem Uni-Campus. Bundesweit treten diese Woche Studenten in Ausstand und beklagen vor allem die Zersplitterung der Uni-Landschaft in Elite- und Wald- und Wiesen Hochschulen sowie die grundlegende Umgestaltung der deutschen Hochschulen durch den sogenannten Bologna-Prozess. Dieser Plan zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens hat die Strukturen der Hochschulen seit 1999, so umfassend durcheinandergewirbelt wie wenige andere Projekte im Bildungssektor. Die alten, auf Selbstorganistation der Studenten beruhenden Abschlüsse Magister und Diplom sind seither in einigen Bereichen fast vollständig verschwunden. An ihre Stelle sind sogenannte Bachelor- und Masterstudiengänge getreten, die sich an internationalen Standards orientieren und feste Stundenpläne und Fächer für die einzelnen Disziplinen vorsehen.
"Wir sehen das Problem, dass die Inhalte viel zu verschult sind", sagt Björn Schembera vom Arbeitskreis Bildung, der den Protest der Stuttgarter Studenten mitorganisiert. Die Abschlüsse erlaubten es zwar zielgerichteter und schneller zu studieren, der so wichtige Blick nach rechts und links komme dabei aber viel zu kurz. Für die Grundlagenforschung, die oft von zuerst abwegig erscheinenden Ideen lebe, bleibe immer weniger Platz meint der Informatiker. Ähnlich wie für Schüler im 8-Jährigen Gymnasium steige die Arbeitsbelastung.
Das hat auch Sebastian Bertsche zu spüren bekommen. Früher hat der 23-Jährige Student des Technologiemamagements an den Wochenenden Jugendlager organisiert und eine Jungschar geleitet. Vor kurzem aber hat er wegen dem Druck des Studiums aufgegeben." Selbst an den Wochenenden heißt es jetzt Mathe-Übungsblätter pauken", sagt er. Für mehr bleibe kaum Platz. Ein weiterer Kritikpunkt, für den er die ganze Woche auf die Straße gehen will, sind die Studiengebühren, die im Südwesten ab dem Sommersemester 2007 flächendeckend bezahlt werden müssen. Mittlerweile sei klar, dass sie ärmere schichten vom Studium und damit von der wichtigsten Ressource des Landes - der Bildung - abhielten. "Das kann nicht in unserem Interesse sein."
Bei ihrem Streik setzten die Stuttgarter Studenten auf viele dezentrale Aktionen. An mehreren Punkten in der Stadt sind Infostände aufgebaut. Weil sie die Zeit während des einwöchigen Ausstands nicht sinnlos verstreichen lassen wollen haben sie Dutzende Vorlesungen und Vorführungen in den Gebäuden der Uni oranisiert. Den S-Bahnausgang der Uni in Vahingen haben sie mit einer Protestmauer symbolisch verbarrikadiert. "Jeder der durchwollte müsse sich durch ein enges Loch zwängen", sagt Dirk Lenz von der Initiative Volluniversität, die sich gegen das Ausdünnen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Fächer an der Uni Stuttgart wendet. "Als Symbol für die geistige Enge des Bildungssystems."
Als "Ironie" bezeichnet Lenz, dass in diesem Jahr erstmals ein Geisteswissenschaftler - der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta - den renommierten Landesforschungspreis gewonnen hat. "Einer der Forscher, deren Fachgebiet gerade unter den Hammer kommt", sagt Lenz. Von einer offiziellen Ehrung sehe die Uni ab, sagt er. Dagegen wollen die Studenten jetzt auch demonstrieren. In schwarz gekleidet wollen sie die Bildung symbolisch zu grabe tragen.