Drucken Versenden

Boarding time

Berliner besetzen Flugfeld Tempelhof

Foto: dpa

Berlin - Höhepunkt der Aktionswochen: Der ehemalige Flughafen Tempelhof soll besetzt werden. Am Sonntag übten gewaltfreie Aktivisten – der Polizei machen andere Sorgen.

Haben Sie schon einmal einen Flughafen besetzt? Der unter diesem gleichlautenden Plakat steht, nennt sich Benjamin, pflegt einen unwiderstehlich bayrischen Akzent und hilft amüsiert einem Sechsjährigen dabei, über einen Zaun zu klettern. Noch ist es irgendein Zaun, den es hier beim Training zu überwinden gilt. Am Samstag wird es dieser eine Zaun sein - der den geschlossenen Flughafen Tempelhof absperrt. 10.000 Menschen wollen kommen, sagt Benjamin, der Aktivist, "um dieses Gelände zurückerobern". Mit 300 Vorkämpfern, "die noch nicht klettern können", übt er indes das Zäune-Einnehmen. Der Jüngste, der in die Maschen langt, ist sechs, der älteste 69 Jahre alt.

10.000 Menschen auf einer Fläche von 400 Hektar, also mehr als 520 Fußballfeldern - da bleibt noch immer viel Raum für Jedermann. Grundsätzlich geht es den Organisatoren der Aktionstage um Raum - genau genommen um Grundstücke, Kieze und Häuser in Berlin, in denen heute Menschen leben, die sich das nicht mehr leisten können, sofern Investoren und/oder Senat ihre Pläne dort umsetzen. Urbanisten und Soziologen beschreiben ihre Sorgen und Szenarien einer kommerziell veränderten Lebenskultur mit dem Begriff Gentrifizierung - der gesteuerten Aufwertung eines Wohnumfelds durch Umbau oder Restaurierung auf ein Niveau, das sich die ursprünglichen Anwohner finanziell nicht mehr erlauben können. So würden Arme und Geringverdiener entsozialisiert und gezielt aus ihrem Wohnumfeld vertrieben.

Diese Sorge treibt immer mehr Aktivisten auf die Straße, in leerstehende Häuser oder vor aufgemöbelte Lofts der Oberklasse - meistens friedlich, aber eben nicht immer. Die Berliner Polizei hält nicht nur die moderaten, sondern auch die gewaltbereite Protest-Szene für "äußerst gut vernetzt und schnell einsatzbereit". Mehrmals wöchentlich rücken Streifen aus, wenn in Kreuzberg oder Mitte "Bonzen-Wagen" brennen - Fahrzeuge der gehobenen Klasse, die Aktivisten entsprechend brandmarken. Andernorts treffen sich Hausbesetzer, um leerstehenden Wohnraum einzunehmen, aufzuhübschen und für sich oder Bedürftige zu nutzen. In der laufenden Aktionswoche vor der "Massenbesetzung" des Flugfelds in Tempelhof sind viele solcher Initiativen geplant.

Die Polizei rechnet am Samstag "mit allem, und wir sind auf alles vorbereitet. Aber wir haben keine konkreten Hinweise auf Randale", betont ein Behördensprecher. Die Polizei verfolge die Szene sehr sorgfältig, "denn das sind nicht nur schräge Vögel, sondern gut aufgestellte Aktionseinheiten".

"Unser Ziel ist das Flugfeld und nicht die Polizei", beteuert indes Benjamin vom Aktionsbündnis "Wir bleiben alle!", der noch immer am Übungszaun steht. Das Bündnis wirbt: "Wir werden viele sein und wütend, weil wir nie mitentscheiden dürfen", doch der Mittzwanziger meint: "Unsere Aktion ist friedlich." Wie beiläufig ergänzt er - "als friedlich geplant." Eingeladen zum passiven Widerstand sind Anwohner, Linke, Naturschützer, Hundebesitzer, Botaniker, Flugfans, Freunde der Stadtarchitektur, Illegalisierte, Kioskbesitzer, Hartz-IV Bezieher, Rollstuhlfahrer, Spaßfanatiker oder einfach nur Bürger, denen es nicht passt, wie der Berliner Senat mit diesem seit Oktober brachliegenden Riesenareal umgeht. Die letzte Gruppe ist die vermutlich stärkste und aufgerufen, sich mit den anderen zu solidarisieren.

Am 31. Oktober sind mit zwei Rosinenbombern die letzten Maschinen von Tempelhof abgeflogen. Der Senat des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit will Investoren gewinnen, die auf dem Gelände neben Luxuswohnungen die so genannte Kreativwirtschaft ansiedeln. "Wer hier Lofts und und schicke Events haben will, provoziert Mietsteigerungen, die sich keiner von den Anwohnern leisten kann, die heute hier wohnen. So entsteht eine kapitalistische Gesellschaft", empört sich Benjamin. Bis entschieden ist, wer sich tatsächlich auf dem Feld hinter dem denkmalgeschützten Terminalgebäude breit machen darf, bleibt das Gelände umzäunt - und in Teilen stärker kontrolliert als während des Flugbetriebs.

Wie hätten's denn die Besetzer des Flugfelds gern? Was soll aus Tempelhof werden? Eine offene Anstalt, gewissermaßen, denn die Ideen tragen die charmanten Züge eines Berlin-Panoptikums: Neben günstigem Wohnraum sollen Bauwagenplätze her, interkulturelle Parks oder Gärten, Grillplätze, eine Zeltstadt, Theater, kulturelle Zentren, Skate- und Abenteuerspielplätze, Museen und bäuerliche Betriebe - alles nicht kommerziell. Wenn erst mal der Zaun weg ist.
 

Von Claudia Lepping, Berlin

16.06.2009 - aktualisiert: 15.06.2009 18:51 Uhr

 



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise