Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 18.06.2009
Alle anderen
Zwei gegen alle Spießer dieser Welt
Das Mädchen starrt Gitti missmutig an. "Sag doch bitte, wenn du etwas an mir nicht magst, damit ich es ändern kann", sagt Gitti. "Ich hasse dich!", platzt die Kleine heraus. "Mehr, weiter", ruft Gitti, "sag: ,Ich verabscheue dich'." Die Kleine flüstert es ihr nach. Gitti fasst sich jetzt ans Herz, fällt rücklings in den Pool, spielt toter Mann. Die Mutter des Mädchens beobachtet die Szene, zieht entgeistert die Augenbrauen hoch und schaut ihren Bruder Chris fragend an. Chris schweigt, später wird er mit Gitti darüber lachen.
Es herrscht eine Komplizenschaft zwischen Gitti (Birgit Minichmayr) und Chris (Lars Eidinger): Wir zwei gegen die spießige Welt der anderen. Und weil die Ferienidylle - das Paar macht auf Sardinien Urlaub im Haus von Chris' Eltern - nicht so bleiben kann, muss einer diese Komplizenschaft verraten. Die Sympathien der Regisseurin Maren Ade für Gitti überwiegen, also tut es Chris: Er kann sich von Beziehungsmachtspielen nicht lösen. Er verschweigt Gitti, dass er einen Architekturwettbewerb verloren hat, und reagiert zunehmend gereizt auf alles, was sie sagt und tut.
Maren Ade gewann für "Alle anderen" 2009 auf der Berlinale den Großen Preis der Jury, Birgit Minichmayr erhielt den Silbernen Bären (verdient hätten ihn auch die drei anderen Hauptdarsteller). Die Regisseurin verzichtet auf Stimmung simulierende Hintergrundmusik, außer wenn Lieder Gefühle der Protagonisten kommentieren. Sie kommt ihren Figuren nahe, sie zeigt sie in intimsten, lustigsten, auch peinlichen Situationen und lässt sie in dänischer Dogma-Manier wie in einer Versuchsanordnung das Spiel einer scheiternden Liebe spielen.
Gitti fühlt sich gedrängt, sich konventioneller zu benehmen, doch es hilft nichts
Chris, der zunehmend daran zweifelt, ob er weiter so kompromisslos an seinen architektonischen Ideen festhalten soll, begegnet dem erfolgreichen Architekten Hans (Hans-Jochen Wagner) und dessen devoter schwangerer Frau Sana (Nicole Marischka). Gitti, die ihr Geld damit verdient, als PR-Frau Freundlichkeiten zu heucheln, verzichtet darauf im Privaten: "Du bist mir zu gönnerhaft!", herrscht sie Hans an, der Chris mit wohlmeinend-pragmatischen Job-Ratschlägen demütigt. Bei Chris kommt das nicht besonders gut an - er fühlt sich durch Gittis Verteidigungsrede zusätzlich herabgesetzt.
Die Komplizenschaft ist aufgekündigt, die mit dem Anspruch verbunden war, ganz anders als alle anderen sein zu wollen. Chris' hasserfülltem Ausruf: "Du bist so peinlich, Gitti", folgen weitere Verletzungen. Gitti ignoriert sie, fühlt sich gedrängt, sich konventioneller wie alle anderen eben zu benehmen, doch es hilft nichts, die Situation eskaliert. Maren Ade zeigt diese Machtspiele, Missverständnisse in einer Beziehung, die sich gerade in banalen Alltagssituationen äußern, sehr kühl, sehr präzise. Wie bei ihr Blicke und Gesten, etwa ein vermeintlich harmloses Die-Freundin-ins-Wasser-Werfen, zu einem schrecklich gewalttätigen Akt werden, ist großartig.
Nicole Golombek
18.06.2009 - aktualisiert: 18.06.2009 11:21 Uhr