Staufen - So dramatisch wie noch nie hat der Bürgermeister von Staufen, Michael Benitz, die Lage der Stadt beschrieben. Er gehe mittlerweile davon aus, dass sich die Altstadt „um mehrere Meter“ heben könnte, falls die fieberhafte Suche nach einem Rettungskonzept erfolglos bleibe. „Es ist eine Katastrophe für unsere Stadt“, sagte Benitz gestern bei einer Pressekonferenz in Staufen (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald).
Nach einer Erdwärmebohrung vor eineinhalb Jahren sind mittlerweile in 190 Häusern in der historischen Stadt Risse entstanden. Weil die Kommune die Schäden in Millionenhöhe nicht alleine tragen könne, forderte der Bürgermeister vom Bund finanzielle Hilfen. Die Erdwärme-Bohrungen, die als Ursache vermutet werden, hatten im September 2007 hinter dem Rathaus begonnen. Danach war es zu ersten Gebäudeschäden gekommen. Ein im Oktober 2008 vorgelegtes Gutachten nennt keine eindeutige Ursache für die Schäden. Sie können demnach sowohl durch Erdplatten-Verschiebungen unter der Stadt als auch durch Geothermie-Bohrungen verursacht worden sein.
Fest steht jedoch: Fast 190 Häuser sind beschädigt und haben bis zu 16 Zentimeter breite Risse. 42 Gebäude werden regelmäßig auf ihre Stabilität hin untersucht, acht davon müssen gestützt werden. Am schlimmsten betroffen sind das historische Rathaus und ein dahinter liegendes Behördengebäude. Das Grundbuchamt wurde bereits ausquartiert, weitere Teile der Rathausmannschaft könnten folgen, wenn es im Winter Probleme beim Heizen der beschädigten Häuser gibt. Die Lage spitzt sich immer weiter zu. In dem betroffenen Teil der Altstadt hätten sämtliche Gebäudeeigentümer ihre Sanierungsmaßnahmen inzwischen eingestellt, sagte Benitz. "Das Quellpotenzial des Gesteins unter der Altstadt ist sehr hoch, das haben Temperaturmessungen an den Erdwärmesonden hinterm Rathaus ergeben", sagte Gunther Wirsing vom Landesamt für Geologie beim Regierungspräsidium Freiburg. Diese Sonden sollen der Auslöser der geologischen Katastrophe in der Stadt sein. Da nicht genau messbar sei, in welche Richtung die Sonden unter der Erde sich ihren Weg gesucht haben, sei es sehr schwer, von der Oberfläche aus eine Sanierung anzugehen. "Die einzige Lösung, die sich uns derzeit zu bieten scheint, ist das Abpumpen des eindringenden Grundwassers durch das Bohrloch der Erkundungsbohrung, die noch fünf bis sechs Wochen laufen dürfte", sagte der Ingenieur Robert Breder. Parallel zu den Bohrungen arbeitet der kommunale "Arbeitskreis Hebungsrisse" an einer ersten Gegenmaßnahme. So bald wie möglich wollen die Experten versuchen, die Erdwärmesonden mit einer Zementsuspension abzudichten. Mit Hilfe eines Feldversuchs und mehrere Materialtests wird die Gegenmaßnahme in den nächsten Wochen und Monaten vorbereitet.
Die Erdwärmebranche läuft derweil Sturm gegen die Pläne des Landes, Geothermiebohrungen künftig stark einzuschränken. Der Fall Staufen werde instrumentalisiert, heißt es. Grund: Um ein zweites Staufen zu verhindern, hat das geologische Landesamt auf rund einem Drittel der Landesfläche einen Bohrstopp für Erdwärmesonden verhängt.