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Sozialpädagogin

"Spontan-Besäufnisse fallen ins Wasser"

Foto: dpa

Stuttgart - Mehr als 100 Jugendliche unter 18 Jahren wurden 2008 an Wochenenden mit einer Alkoholvergiftung ins Olgahospital eingeliefert. Paula Marinovic, Sozialpädagogin bei der Suchtberatungsstelle Release, begrüßt daher, dass die Landesregierung ab 2010 den Verkauf von Alkohol an Tankstellen nach 22 Uhr verbietet.

Ein Alkoholverbot an Tankstellen ab 22 Uhr - hilft das tatsächlich, um Teenager vom sinnlosen Trinken abzuhalten?
Auch wenn dieses Gesetz kein Allheilmittel gegen jugendliches Komasaufen sein wird, werden meiner Meinung nach doch etliche Spontan-Besäufnisse künftig ins Wasser fallen.

Das heißt?
Geht den Jugendlichen der Wodka am Freitag- oder Samstagabend aus, ist ab 22 Uhr Schluss mit der wilden Trinkerei.

Jugendliche unter 18 Jahren haben doch bislang an Tankstellen offiziell auch keinen hochprozentigen Alkohol bekommen...
... aber sie konnten immer einen volljährigen Kumpel fragen, ob er nicht ein, zwei Flaschen an der Tanke kauft. In der Regel hat das funktioniert.

Wir werden künftig also weniger junge Schnapsleichen in der Innenstadt haben?
Jugendliche sind findig - sie werden möglicherweise schnell lernen, sich vorab mit ausreichend Wodka einzudecken, wenn sie eine Fete planen.

Warum eigentlich Wodka?
Das ist eine Abgrenzungsgeschichte. Die Eltern trinken zumeist Bier und Wein, vielleicht mal einen gepflegten Whiskey für den Genuss.

Was sind das für Jugendliche, die mit einer Alkoholvergiftung am Wochenende ins Olgäle eingeliefert werden müssen?
Die Jugendlichen kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten - Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten gehören mittlerweile zu gleichen Teilen zu den Komatrinkern.

In welchem Alter sind die Teenager, und wie viel Promille haben sie in sich?
Die Mädchen und Jungen sind zwischen zwölf und 17 Jahre alt, der Alkoholpegel schwankt zwischen einem und 3,5 Promille.

Über Komasaufen in der Öffentlichkeit wurde schon viel spekuliert. Haben Sie eine Idee, warum sich immer jüngere Jugendliche sinnlos betrinken?
Sie verbinden Alkoholtrinken zunächst einmal mit Spaßhaben. Dabei werden sie lockerer und enthemmter - das Leben ist lustiger. Sie registrieren indes nicht die Warn- und Stoppsignale des Körpers, wie beispielsweise Lallen oder Schwanken. Und Wodka-Mixgetränke hauen rein und schnell um.

Sich mit Wodka wegbeamen soll Spaß machen?
Die Jugendlichen meinen es zumindest, viele trinken aber auch aus Langeweile - gräbt man ein bisschen tiefer, kommen natürlich auch soziale und psychische Probleme zum Vorschein.

Welche?
Zunächst einmal fehlen in vielen Elternhäusern die Väter - entweder, weil sie zu viel arbeiten und kaum Zeit für den Nachwuchs haben. Andere Jugendliche kommen aus Scheidungsfamilien. Den Jungs fehlen oft männliche Vorbilder. Generell erlebe ich häufig Jugendliche, die kaum noch Grenzen erleben. Leistungsdruck in der Schule und Angst vor der Zukunft tun ein Übriges. Außerdem wird der Genuss von Alkohol in der Werbung und zu Hause vorgelebt - keine Feier ohne Sekt.

Welche Folgen ergeben sich daraus?
Erlauben Mütter oder Väter ihren Kindern schon mit elf Jahren ein Schlückchen in Ehren, wird Alkohol nicht sanktioniert, sondern als probates Spaßmittel initiiert. Und dann heißt es möglicherweise auch im Freundeskreis und in der Freizeit: Trinken bis zum Abwinken - in nicht wenigen Fällen eben auch: Bis der Krankenwagen kommt.

Wie sieht Ihre Arbeit an den Wochenenden im Olgäle aus?
Wir reden mit den Jugendlichen und deren Eltern, machen uns bekannt und bieten unsere Hilfe an.

Wer ist "wir"?
Eine Initiative der Suchtberatung am Klinikum, an der die Suchtberatungsstellen Lagaya und Release U21 beteiligt sind. Dabei werden in unserer Statistik nur die Jugendlichen, die samstags oder sonntags ins Olgäle kommen, erfasst. Im Jahr 2008 waren es über 100 Mädchen und Jungen - wir haben nicht jene Teenager mit eingerechnet, die unter der Woche wegen Alkohols kollabierten.
 

Michaele Heske

22.06.2009 - aktualisiert: 22.06.2009 14:32 Uhr

 



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