"Auf dieser Seite war ich noch nie", sagt er, nachdem er die Albert-Schäffle-Straße im Stuttgarter Osten überquert hat, um für das Foto zu posieren. Und er meint es ernst: Obwohl der 45-jährige Bernd Möbs seit nunmehr vier Jahren an der Straße wohnt, querte er diese bisher nie.
Das liegt daran, dass es einer gewissen Todesmutigkeit bedarf, die zumindest zu Stoßzeiten stark befahrene Durchgangsstraße zu kreuzen. Diese trenne die Anwohner - sowohl räumlich als auch symbolisch. "Ein Straßenfest kann man hier nicht veranstalten", sagt Möbs, der kaum einen seiner Nachbarn persönlich kennt und ob dieser Anonymität froh ist, wenn er nach der Verrichtung der Kehrwoche wieder in seine Wohnung zurückkann.
Auf der Albert-Schäffle-Straße, die vom Stuttgarter Osten gen Fildern führt, konnten die Kinder in den dreißiger Jahren, als sie von Neue Straße in Albert-Schäffle-Straße umbenannt wurde, noch unbehelligt spielen. "Gegenüber wohnt eine 84-jährige Dame, deren Mutter hat hier noch die Pferdeäpfel aufgesammelt und den Garten damit gedüngt", erzählt Möbs, der scheinbar doch hin und wieder Kontakt zur anderen Straßenseite pflegt.
Bernd Möbs geht davon aus, dass die Straße eigentlich nicht als Durchgangsstraße angelegt worden war. "Sonst gäbe es vermutlich die Haarnadelkurve nicht", sagt er. Diese befindet sich just an der Stelle, an der das Haus steht, in welchem er mit seiner Frau eine Wohnung bewohnt. Diese Stelle hat besonders in den 60er und 70er Jahren für Probleme gesorgt, als die Straße noch nicht ausgebaut war. Nachdem damals immer wieder Autos in den Zaun von Möbs Vermieter gebraust waren, der im Haus daneben wohnt, machte dieser seinem Ärger bei der Stadt Luft. Die Konsequenz: Ein Schild wurde aufgestellt, das Tempo 30 empfahl - aber nicht vorschrieb. Der Erfolg dieser Maßnahme war allenfalls mäßig: Vor drei Jahren rauschte das jüngste Opfer der scharfen Kurve und der überhöhten Geschwindigkeit in den Zaun. "Man muss sich hier geradezu einmauern", sagt Möbs.
Doch mit Beschaulichkeit darf freilich auch keiner rechnen, der in eine Straße zieht, die nach einem Revolutionär benannt ist. Der gebürtige Nürtinger Albert Schäffle kam 1831 zur Welt und studierte zu der Zeit, als in Baden die Revolution ausbrach, in Tübingen Theologie. Da er bei der Revolution mitmarschierte, flog Schäffle vom Stift. Er war danach als Lehrer tätig sowie als Journalist beim "Schwäbischen Merkur". Später ging er zurück an die Universität Tübingen, studierte Nationalökonomie, wurde Professor, Mitglied des württembergischen Landtags, Universitätsprofessor in Wien und österreichischer Handelsminister. "Wer in Württemberg was werden will, muss am Tübinger Stift gewesen sein, wer in Deutschland was werden will, muss vom Tübinger Stift geflogen sein", zitiert Bernd Möbs eine alte Redewendung. Im Falle Schäffle hat sich diese bestätigt.
Möbs interessiert sich nicht nur für die Geschichte seiner Straße, vielmehr ist der gebürtige Rheinländer der Stadtgeschichte von Stuttgart verfallen. Vor 13 Jahren zog er in die Landeshauptstadt, damals war er noch als Informatiker tätig. "Ich habe bald bemerkt, dass die Mentalität der Menschen hier eine ganz eigene ist - und dass dies mit der Historie zusammenhängt", sagt Möbs. Sein zunächst privates Interesse wuchs, und schließlich machte Möbs sein Hobby zum Beruf. Er ist Autor des Buches "Zu Fuß zu Stuttgarts Dichtern" und leitet Stadtführungen.
Bei einer seiner Recherchen im Stadtarchiv warf Möbs denn auch einen Blick in das alte Adressbuch der Stadt. Er wollte herausfinden, wann genau der wohl bekannteste Bewohner der Straße hier gelebt hatte: "Der erste Ministerpräsident Reinhold Maier wohnte von 1954 an der Albert-Schäffle-Straße", sagt Möbs. Er hat auch einen alten Zeitungsartikel ausgegraben; das dazugehörige Foto zeigt Maier zusammen mit seinem Gast Rudolf Augstein in seinem Haus im Stuttgarter Osten.
Noch heute wohnen überwiegend gutbürgerliche Menschen an der Albert-Schäffle-Straße. Schließlich lebt man hier "trotz des schrecklichen Verkehrs in wunderbarer Lage", wie Möbs sagt. Von seinem Balkon an der rückwärtigen Seite des Hauses blickt er bis zum Bottwartal, sieht Graureiher vorbeiziehen. Von der Straße aus sieht er den Funkturm, der inmitten des Walds am Frauenkopf aufragt. Um in diesen zu gelangen, gilt es allerdings, die Straße zu überqueren.
Am 4. Oktober leitet Bernd Möbs einen literarischen Spaziergang durch den Schlossgarten. Treffpunkt ist um 15 Uhr am Schillerdenkmal vor der Oper, die Gebühr beträgt 10 Euro. Anmeldung unter Telefon 07144 / 859834.