Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 25.06.2009
Flash of Genius
Amerikanischer Traum auf dem Prüfstand
Urheber pochen auf Vergütung, die Piratenpartei fordert die freie Verwendung von Ideen, tagtäglich werden Texte, Songs und Filme schwarz heruntergeladen oder kopiert. Macht hier die Masse den Verlust, können technische Tüftler durch einen einzigen Diebstahl ihr Lebenswerk verlieren: Auch Konzerne kopieren mitunter, weil sie beim Rechtsstreit den längeren Atem haben, oder sie kaufen, um die Idee in der Schublade verschwinden zu lassen. Wenn beides nicht geht, ignorieren sie die Tüftler: Seit Jahren versuchen zum Beispiel drei Ingenieure aus dem Schwarzwald vergeblich, einen Partner in der Autoindustrie für eine Mikrowellenzündung zu finden, die den Spritverbrauch um 30 Prozent und den Schadstoffausstoß sogar um 80 Prozent reduzieren soll.
Im selben Milieu spielt der Fall von Robert Kearns. Der Ingenieur und Universitätsprofessor entwickelte in den 1960er Jahren den Intervall-Scheibenwischer und wollte groß ins Geschäft einsteigen. Ford machte ihm Zusagen, ließ den findigen Tüftler aber fallen, nachdem sie seinen Prototyp genau unter die Lupe genommen hatten. Ford klaute, wie später Chrysler, schlicht das Patent und präsentierte es als hauseigene Erfindung. Kearns wollte den Betrug nicht hinnehmen, zog vor Gericht und damit in einen Jahrzehnte währenden Kampf, in dem er nach und nach nicht nur Freunde und Familie verlor, sondern auch seine Gesundheit und sein Lebensglück. Der erfahrene Filmproduzent Marc Abraham ("Spy Game", "Children of Men") hat in seinem Regie-Debüt Kearns' verbissenen Kampf um die Wahrheit und seine Vereinsamung als Hollywoodkino im besten Sinne inszeniert.
Greg Kinnear wirkt sympathisch als streitbarer Erfinder, der reichlich heroisiert wird
Er bietet großartige, ästhetische Bilder, Spannung, die schleichend vom Zuschauer Besitz ergreift, und eine emotional mitreißende Geschichte, die über den Kinobesuch hinauswirkt. Das liegt auch an seinen gut gewählten Darstellern: Greg Kinnear ("Little Miss Sunshine") wirkt sympathisch als Erfinder Kearns, der im Film reichlich heroisiert und mythologisiert wird, aber auch faszinierend manisch in seinem Bestreben, sich Recht zu verschaffen, koste es, was es wolle.
Abraham legt besonderen Wert auf die Frage, ob es eine solche Auseinandersetzung wert ist, alles andere aufs Spiel zu setzen. Eine Antwort gibt er nicht, sondern stellt in seiner modernen Version des Kampfes zwischen David und Goliath den amerikanischen Traum auf den Prüfstand, erfolgreich könne nur der sein, der sich gegen alle Widerstände behauptet. "Die haben alle Zeit der Welt, wir nicht", sagt Kearns' Frau, eindrücklich gespielt von Lauren Graham, über die Konzerne - und macht damit den Grundkonflikt deutlich, dem das komplette Umfeld es Erfinders ausgesetzt ist.
Der reale Kearns hat nach Jahrzehnten sein Recht bekommen. Im Jahr 2005 verstarb er 77-jährig an Krebs. Der Film erspart seinen Zuschauern dieses bittere und einsame Ende.
Eva Maria Schlosser
25.06.2009 - aktualisiert: 25.06.2009 11:49 Uhr