Stuttgart - Die Sprit-Verkäufer machen mobil: Weil den Tankstellen im Land ein Verkaufsverbot für Alkohol in den Nachtstunden droht, regt sich Protest. "So ein Gesetz hält keinen einzigen Jugendlichen vom Komasaufen ab", sagt Klaus Kortsteger, der Organisator des Widerstands.
Zapfsäulen werden nächste Woche nicht über den Stuttgarter Marktplatz geschleift werden. Und es besteht auch keine Gefahr, dass erboste Tankstellenbesitzer einen Ölteppich vor den Landtag legen. "Aber Transparente und Handzettel haben wir dabei", kündigt Klaus Kortsteger an. Mit einem Demonstrationszug durch die Stuttgarter Innenstadt soll am kommenden Mittwoch ab 9 Uhr gegen das geplante Verkaufsverbot von Alkohol in den Nachtstunden protestiert werden - eine Premiere. Einen Aufmarsch der Tankstellenpächter gab's im Land nämlich noch nie.
Gut 400 Teilnehmer aus der Benzinbranche erwarten sich die Organisatoren - Hand in Hand wollen Beschäftigte und Unternehmer gegen den drohenden Verlust von Arbeitsplätzen streiten. "Wenn es an den Tankstellen keinen Alkohol mehr gibt, brechen unsere Umsätze drastisch ein. Viele Kollegen werden ihre Zapfsäulen schließen, wenn sich das Nachtgeschäft nicht mehr rentiert", warnt Kortsteger, dass landesweit über 1000 Stellen auf dem Spiel stehen: "Wenn das Alkoholverbot kommt, muss etwa jeder zehnte Angestellte gehen."
Der 54-jährige Kortsteger betreibt eine Tankstelle in Pleidelsheim im Landkreis Ludwigsburg. Direkt an der Autobahnausfahrt der A 81 laufen die Geschäfte gut, neben dem Chef und seiner Frau kümmern sich im Schichtdienst 20 Beschäftigte um das Wohl der Kundschaft. Wie sein Denkendorfer Kollege Alexander Heinze fürchtet Kortsteger, gut 20 Prozent seines Umsatzes zu verlieren, wenn von 22 Uhr bis 5 Uhr in der Früh kein Alkohol mehr über den Tresen gehen darf. "Für uns würde dieses Gesetz massive Einbußen bedeuten", räumt der Pleidelsheimer ein. Experten schätzen den Verlust auf bis zu 35 Prozent.
Der Hintergrund: Mit dem Verkauf von Diesel und Benzin allein ist für Tankstellen längst kein Geld mehr zu verdienen. Pro Liter Kraftstoff nehmen die Betreiber der Zapfsäulen nur noch etwa einen Cent ein. Obwohl jeder Autofahrer im Monat durchschnittlich 40 Liter in den Tank leert, nehmen selbst gutgehende Tankstellen jährlich gerade mal 50.000 Euro durch den Spritverkauf ein - selbst bei der Autowäsche bleibt inzwischen mehr Geld hängen.
Umso wichtiger wird für die Tankstellen das Shopgeschäft: Der Verkauf von Tabak, Zeitschriften und Getränken trug vor zehn Jahren noch etwa 43 Prozent zum Umsatz bei. Mittlerweile liegt der Anteil der Zusatzangebote laut Stefan Brok, Vorstandschef des Branchenführers Aral, bei fast zwei Dritteln. Auch die Konkurrenz von Esso sah sich bereits vor Jahren als "Supermarktkette mit Zapfsäulen" - trotz gesalzener Preise erledigen manche Zeitgenossen beim Tanken gleich den Wocheneinkauf.
Dass seine Tankstelle deutlich teurer ist als ein Discounter, gibt auch Kortsteger zu. "Gerade deshalb sind wir ja auch nicht an den Zechgelagen von Jugendlichen schuld", ärgert sich der 54-Jährige. Der beim Komasaufen für hochprozentige Mixgetränke genutzte Wodka, in der Tankstelle für fast elf Euro im Regal, ist im Supermarkt gut drei Euro günstiger. Und auch beim Bier lohnt sich der Weg zur Tanke finanziell nicht.
"Das Alkoholverbot ab 22 Uhr schützt keinen Jugendlichen vor dem Vollrausch", ist sich Kortsteger sicher. "Es bestraft den Schichtarbeiter, der für seine Frau nach dem Dienst noch eine Flasche Wein mit nach Hause nehmen will." Bestraft sehen sich auch die Tankstellenpächter selbst: Wer keinen Alkohol mehr kaufen darf, nimmt auch keine Zigaretten, Chips oder Süßigkeiten mit. "Die Politik denkt darüber nach, ob man vielleicht schon mit 16 Jahren wählen und über die Zukunft des Landes mitentscheiden darf. Aber ich mit meinen 51 soll noch nicht in der Lage sein, über meinen Konsum zu entscheiden", klagt sein Denkendorfer Kollege Hinze. Auch er hat seine Mitarbeiter in eine Schulung geschickt, um sie für Jugendschutz-Fragen zu sensibilisieren - beim Verkauf von Alkohol und Zigaretten müssen die Beschäftigten nicht nur nachts nach dem Ausweis fragen.
Ob Schnaps und Bier angesichts der Promillegrenze am Steuer überhaupt als Reisebedarf gelten können, hält auch Tankstellenchef Kortsteger für fraglich. "Aber dann", sagt er, "dürfte es streng genommen auch keine Holzkohle bei uns geben."