Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 09.07.2009
Kommissar Bellamy
Der glückliche Mann
Seine opamäßig hellbraune Strickjacke liegt eng am Körper und betont den medizinballdicken Bauch. Gérard Depardieu hält ihn uneitel in die Kamera, er sitzt mit einem bräsigen Gesichtsausdruck auf dem Sofa, löst Keuzworträtsel, döst ein. Es dauert eine Weile, bis man nicht mehr nur auf diesen Bauch starrt, bis man nicht mehr daran denkt, wie merkwürdig es ist, dass Chabrol mit Depardieu, der hier mit einer beeindruckenden Dezenz agiert, nicht schon früher gearbeitet hat. Es ist überhaupt ein Film der Abschweifungen, der Verweise auf andere Künste und Künstler. Er beginnt auch so. Man sieht, wie es sich für einen Krimi gehört, ein ausgebranntes Auto und verkohlte Leichenteile - doch dann zoomt die Kamera auf das Grab von Georges Brassens, auf einen Friedhof, der über dem Mittelmeer liegt, welch eine Aussicht. Dort, in der südfranzösischen Sonne, macht Bellamy mit seiner Frau Ferien, und lange bleibt er natürlich nicht auf dem Sofa liegen, dieser hochberühmte alte Kommissar.
Claude Chabrol ist 79 Jahre alt, er muss der Welt nichts mehr beweisen; psychologisch subtile Krimis hat er schon viele gemacht. Die kriminelle Handlung in diesem Film ist zu hanebüchen, um als solche bezeichnet zu werden. Fragen nach Schicksal, Schuld und Verbrechen werden ohnehin abseits des eigentlichen Falls verhandelt, am Verhältnis zwischen dem glücklichen Bellamy, dem immer alles gelang, und seinem unglücklichen Bruder, der immer scheitert.
Der Film ist eine Hommage an Künstler, an Georges Simenon, dessen Maigret Vorbild für Bellamy war. Und an Brassens, denn die Verehrung für den Chansonnier hat für eine Filmfigur fatale Folgen. Vor allem aber ist der Film eine Hommage an die Liebe. Die hitzige, über Leichen gehende ebenso wie die sanfte, freundschaftliche zweier Menschen, die sich ein halbes Leben lang kennen.
Marie Bunel ist Françoise Bellamy, eine perfekte Ehefrau
Marie Bunel ist Bellamys Ehefrau Françoise, eine Frau, wie man sie sich perfekter nicht vorstellen kann: Sie sieht immer noch gut aus, kocht vorzüglich, sie ist witzig, klug, zeigt sogar Verständnis für Bellamys Schrullen, wenn der mitten in der Nacht einen Typen (Jacques Gamblin) besucht, der zuvor ständig um sein Ferienhaus geschlichen ist und sonderbares Zeug am Telefon dahergeredet hat. Die hitztige Theatralik sowohl von Gamblin als auch von Clovis Cornillac, der Bellamys Bruder spielt, ist anstrengend, kann einem das Vergnügen an diesem Film aber keinesfalls nehmen.
Nicole Golombek
09.07.2009 - aktualisiert: 09.07.2009 10:38 Uhr