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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 16.07.2009

Harry Potter und der Halbblutprinz

Die Schüler ringen noch um Reife

Wirkte "Der Orden des Phönix" (2007) gestückelt, blutleer und wenig magisch, ist es Yates in seinem zweiten Potter-Film "Der Halbblutprinz" nun gelungen, die Ebenen der komplexen Geschichte zu vereinen - wohl auch dank des zurückgekehrten Steve Kloves, der alle Potter-Drehbücher geschrieben hat bis auf das vorangegangene. Humoristisch unterlegte jugendliche Liebeleien fügen sich da als willkommene Verschnaufpausen zwischen die heftigen Kollisionen weißer und schwarzer Magie, ein rhythmischer Schnitt und weiche Übergänge halten den Film 153 Minuten lang im Fluss, und Tricktechnik kommt nur zum Einsatz, wo sie wirklich gebraucht wird.

Yates nähert sich dem cineastischen Standard, den der Mexikaner Alfonso Cuarón 2004 mit "Der Gefangene von Askaban" gesetzt hat. Puristische Fans der Bücher, denen Anpassungen zugunsten einer funktionierenden Filmdramaturgie ein Gräuel sind, wird das kaum besänftigen; sie dürfen sich immerhin über den Anstoß freuen, in einschlägigen Foren unter Gleichgesinnten nun ausgiebig Detailfragen erörtern zu können.

Die heimliche Hauptfigur dieses sechsten Teils ist Albus Dumbledore, Leiter der Zauberschule Hogwarts. Er macht die Weltenrettung zur Chefsache und nimmt den staunenden Harry an die Hand, Voldemorts Geheimnis (Seelenspaltung!) zu ergründen. Der Schlüssel dazu lagert im Gedächtnis des eitlen Horace Slughorn, eines ehemaligen Professors, der Voldemort alias Tom Riddle einst unterrichtet hat. Dumbledore lockt ihn zurück nach Hogwarts, wo Slughorns bald auch mit magischen Liebes- und Glückstränken für Aufruhr sorgt. Erst spät wird einer Dumbledore das Heft aus der Hand nehmen, der wiederholt unvermittelt im Fokus gestanden hat: Professor Severus Snape, besonders streng, rätselhaft und verdächtig, rückt nun ins Zentrum des Harry-Potter-Universums.

Gestützt auf aussagekräftige Bilder und stimmige Dialoge bestreiten Michael Gambon als Dumbledore, Jim Broadbent als Slughorn und Alan Rickman als Snape die Haupthandlung praktisch im Alleingang. Helena Bonham Carter, offenbar abonniert auf morbide Rollen ("Fight Club", "Sweeney Todd"), fügt als unberechenbare Todesserin Bellatrix Lestrange eine feminine Note hinzu.

Während die alten Hasen das Vorgefecht unter sich ausmachen und ihren Schülern eine letzte Demonstration geben, ringen diese um Reife. Daniel Radcliffe als übereifriger Harry findet ein Lehrbuch, das der ominöse "Halbblutprinz" mit gefährlichen Anmerkungen gespickt hat; das lenkt ihn ebenso ab wie Ginny Weasley, die schon das erste Herzeleid hinter sich hat. Deren Bruder Ron (liebenswert tölpelhaft: Rupert Grint) ist schon damit überlastet, als neuer Quidditch-Star die ihn anhimmelnde Lavender auf Distanz zu halten, und auch die sonst so brillante Hermine (Emma Watson) erweist sich in Liebesdingen als total unfähig. Harrys ewiger Widersacher Draco Malfoy (Tom Felton) scheint als Schlüsselfigur eines Komplotts deutlich weiter zu sein, doch auch er versagt gründlich.

"Und wieder muss ich zu viel von dir verlangen", sagt Dumbledore einmal zu Harry - die Zuschauer werden Zeugen von Initiationen sowohl der Figuren wie auch der Schauspieler, die erst ihren Platz in der Welt finden müssen. Im siebten und letzten Film, der 2010 und 2011 in zwei Teilen in die Kinos kommt, gibt es keine Ausreden mehr, weder für die einen noch für die anderen.

Die nahende Apokalypse trägt aktuelle Züge

Voldemorts Fratze in dunklen Wolkenkaskaden hat Yates über einer bedrohten Welt errichtet, der die Farben ausgehen: Außerhalb des (noch) geschützten Raums der Schule herrscht düsteres Dunkelgrau. Die nahende Apokalypse trägt aktuelle Züge, zerstörerische Todesser erschüttern die Menschenwelt wie Terroristen, wenn sie als Flammenbälle durch Gebäude brechen und ein Inferno hinterlassen. In der Winkelgasse stehen Geschäfte leer, nur noch der Scherzartikelladen hat Konjunktur, und am Tor zu Hogwarts werden Sicherheitskontrollen durchgeführt wie am Flughafen.

Die Reverenzen an große Vorbilder treten nun ganz offen zutage, die Todesser als Vorboten des "dunklen Lords" und der "dunklen Seite der Magie" ("Star Wars") jagen Harry Potter wie die Nazgûl den Hobbit Frodo Beutlin, den der Zauberer Gandalf auf seinem schweren Weg anleitete ("Der Herr der Ringe"). Und ein Verschwindekabinett, das Dinge von A nah B teleportiert, gemahnt nicht nur an "Star Trek", sondern auch an den Horrorfilm "Die Fliege".

Zu den tricktechnischen Höhepunkten zählt auf Action-Ebene ein halsbrecherischer Flug der Todesser durch London; auf erzählerischer Ebene ist es die Art, wie Erinnerungen aus Phiolen als Farbschlieren in Flüssigkeit einfahren und sich dort materialisieren, sich zu Personen und Orten verfestigen und nacherlebt werden können - da dient die Animationskunst der Handlung und nicht, wie so oft, umgekehrt.

Yates und Kloves haben eindrucksvoll gezeigt, dass Harry und seine Freunde der großen Aufgabe noch nicht gewachsen gewesen wären; zum Finale müssen sie ihnen alles mitgeben, damit sie die Menschheit von Voldemort befreien können. Ein für alle Mal.
 

Bernd Haasis

16.07.2009 - aktualisiert: 16.07.2009 11:14 Uhr

 


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