Stuttgart - Erwin Staudt ist VfB-Präsident und Schirmherr des Christopher Street Day (CSD), der Festwoche der Schwulen und Lesben der Stadt. Wir haben mit ihm über homosexuelle Fußballer und über Toleranz gesprochen.
Herr Staudt, was halten Sie von den Pius-Brüdern?Wer sich mit Widerständlern im Dritten Reich vergleicht, wenn er gegen den CSD protestiert, den kann man nicht ernst nehmen. Ich habe ein anderes christliches Werteverständnis und Menschenbild.
Deshalb sind Sie auch Schirmherr beim CSD?Ich bin gefragt worden, ob ich das machen will. Ich habe gerne zugesagt. Wir als Verein haben immer deutlich gemacht, dass wir für Integration und gegen Ausgrenzung von Minderheiten sind. Und es passt zum Vorgehen des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), der seit einiger Zeit mit Schwulenverbänden eine Initiative gegen Homophobie in den Stadien gestartet hat. Ich habe eigentlich nur die Vorlage des DFB aufgegriffen, als Verlängerung in die Gesellschaft hinein.
Wie waren die Reaktionen?Überaus positiv. Klar gibt's einige wenige Briefe, in denen man beschimpft wird. Aber das sind Ausnahmen. Für mich ist das keine so große Sache, ich bin ja nicht der Tabubrecher. Es haben schon andere Prominente vor mir die Schirmherrschaft übernommen. Aber wissen Sie, wen ich bewundert habe?
Wen?<
Den damaligen Sozialminister Andreas Renner. Er hat die Schirmherrschaft übernommen gegen den Widerstand in der CDU. Davor habe ich sehr großen Respekt, weil es etwas benötigt, was sehr wichtig ist in unserer Gesellschaft: Zivilcourage!
Hätte der VfB die Zivilcourage, ein Spiel abzubrechen, wenn von den Rängen gegen Minderheiten gehetzt würde?Diese Frage stellt sich bei uns nicht. Wir haben ein sehr tolerantes Publikum. Wir achten sehr genau darauf, ob sich Faschismus, Rassismus oder Homophobie auf den Rängen breit macht. Das gibt es in Stuttgart nicht!
Warum?Ich habe keine allein gültige Erklärung dafür. Aber ich bin sehr froh darüber. Natürlich hat sich die Gesellschaft verändert, sie ist toleranter, weltoffener, internationaler geworden. Auch unsere Kurve ist bunter geworden, es kommen mehr Familien, Frauen. Da benehmen sich die Männer automatisch besser. Ich erinnere mich noch daran, wie Anthony Yeboah in Frankfurt gespielt hat. Da kamen Urwaldgeräusche aus der Kurve, wurden Bananen auf den Rasen geworfen. Das hat sich in Deutschland geändert. In der Akzeptanz von Migranten und der Integration war der Fußball Vorreiter.
Das gilt aber nicht für Schwule?Das stimmt. Da hinken wir hinterher. Der Fußball ist noch meilenweit davon entfernt, die Toleranz der Gesellschaft aufzubringen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Leistungsträger im Fußball outet. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass sich Ministerpräsidenten zu ihrem Schwulsein bekennen - und wieder gewählt werden.
Einer muss also vorangehen?Einer muss den Anfang machen, das ist der beste Weg, um zu zeigen, dass die sexuelle Orientierung keine Rolle dabei spielt, ob jemand ein guter Fußballer ist oder nicht. Aber das wird vermutlich nach Ende der Karriere sein. Dann folgt vielleicht einer, während er Fußball spielt, und andere müssen dann vielleicht nicht mehr Versteck spielen.
Also sich mit Frau und Kindern tarnen.Ich kenne persönlich keinen solchen Fall. Aber ich weiß, dass es dies in Politik, Wirtschaft und Medien gibt, also vermutlich auch im Profisport. Aber sich dauernd verstellen zu müssen, kann weder gesundheitsfördernd noch leistungsfördernd sein.
Was würden Sie tun, wenn einer Ihrer Spieler zu Ihnen kommt, sich zu seinem Schwulsein bekennen möchte und um Rat fragen würde?Da würde ich die Tür zumachen und mich unter vier Augen mit ihm unterhalten. Aber spontan würde ich sagen: Ich würde es keinem empfehlen, sich zu outen, dazu hätte ich zu viel Fürsorgepflicht.
Warum?Natürlich würde sich der Boulevard unter dem Deckmantel des Verständnisses an so einem jungen Mann abarbeiten und sein Privatleben ans Licht zerren. Man muss aus hartem Holz geschnitzt sein, um das auszuhalten.
Sie haben selbst Fußball gespielt. War Homosexualität damals ein Thema?Überhaupt nicht. In meiner Jugendzeit hat man darüber nicht geredet. Da gab es noch den Paragrafen 175, Homosexualität galt als Unzucht und wurde strafrechtlich verfolgt. Interessanterweise gab es bei uns in Leonberg ein schwules Paar, das überall bekannt war. Mein Vater war ein Schneidermeister, und sie waren seine besten Kunden. Ich habe sehr bewundert, auf welchem Niveau man sich mit ihnen unterhalten konnte und wie geschmackssicher sie die Auswahl der Stoffe getroffen haben.
Das heißt, wer die Menschen kennenlernt, merkt, dass seine Vorurteile unbegründet sind.Ja, natürlich. Deshalb bin ich ja auch sehr froh um die Stuttgarter Junxx. Dass eine Gruppe schwuler und lesbischer Anhänger einen offiziellen VfB-Fanclub gegründet hat, ist das Beste, was uns passieren konnte. Und das ist eine Supertruppe, die gute Ideen hat, die sich einsetzt und unseren Verein unterstützt.
Werden wir Sie bei der CSD-Parade am Samstag sehen?Nein, da spielen wir im Pokal in Heilbronn. Aber bei der Abschlusskundgebung werde ich sprechen, so wie bereits bei der CSD-Gala am vergangenen Samstag. Wenn ich da gewesen wäre, wäre ich aber selbstverständlich mitgefahren. Solche Symbole sind unheimlich wichtig.
Inwiefern?Nicht nur für die Schwulen und Lesben selbst. Auch für die Stadt. Ich habe lange in Berlin gelebt und bin immer noch gerne dort. Ich bewundere Berlin für die Liberalität und Toleranz, mit der dort Minderheiten akzeptiert werden. Das wünsche ich mir auch für Stuttgart. Das ist wichtig für eine Stadt, für ihr Ansehen und Selbstverständnis.