Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 06.08.2009
Public Enemies
Die Mordbuben hinter dem Mythos
Wenn sich Geschichte wiederholt, könnte es bald unruhig werden in den USA - die letzte große Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre brachte dort üble Gangster hervor, die reihenweise Banken überfielen und Menschen ermordeten. Zu den bekanntesten gehört John Dillinger, der erste "Staatsfeind Nr. 1", der mehrfach aus dem Gefängnis ausbrach, vorübergehend große Popularität genoss und 1934 nach einem Kinobesuch in Chicago von FBI-Agenten erschossen wurde.
Thriller-Spezialist Michael Mann ("Collateral", "The Insider") hat sich jeglicher Romantisierung widersetzt und den Geist der Epoche in all ihrer Härte herausgearbeitet. Gefängnistore und Bank-Safes atmen die bleierne Schwere des späten mechanischen Zeitalters, und von den Trittbrettern ihrer Autos setzen Räuber in schwarzen Mänteln mit Maschinenpistolen die Polizei derart unter Feuer, dass einem schwindlig werden kann. Große Kaliber werden da verschossen, es gibt reichlich Tote - Zweifel an der Altersfreigabe ab zwölf sind angebracht.
Johnny Depp ist zu attraktiv für die Hauptrolle, entlockt ihr aber viele menschliche Facetten. Dieser Dillinger hat bei aller Härte Stil und Prinzipien, er wirkt viel intelligenter als sein Beruf, unterscheidet sich klar von cholerischen Mordbuben wie Baby Face Nelson (grandios: Stephen Graham) und ist so auf Augenhöhe mit FBI-Gangsterjäger Melvin Purvis, den Christian Bale als progressiven Kriminologen mit kühlem Kopf anlegt. Dass dieser aus filmdramaturgischen Gründen zunächst Dillingers Kollegen Pretty Boy Floyd und Nelson erledigt, die tatsächlich später starben - geschenkt.
Viel Zeit nimmt sich Mann für die Liebe Dillingers zur ziellos treibenden Billie Frechette, die sich wie er nach einem Anker sehnt in der unruhigen Zeit. Marion Cotillard ("La vie en rose") darf zunächst nur hübsche Begleiterin sein, doch je schwächer Dillinger wird, weil er sich wie einst Butch Cassidy überschätzt und gegen die Zeitenwende stemmt, desto mehr beginnt sie zu funkeln.
Michael Mann und das lange Warten auf den Showdown
Als sie beim Verhör Opfer polizeilicher Brutalität wird, beweist sie Rückgrat und wahrt lange ihre Würde. Leider hat sich Mann - wie schon Sam Mendes in "Road to Perdition" - nicht dafür interessiert, wo die Gangster herkamen und was sie geprägt hat. Das lange Warten auf den Showdown lässt zudem die Überlänge deutlich spürbar werden. Das Entscheidende aber ist Mann gelungen: Er entzaubert den Gangster-Mythos so gründlich wie niemand vor ihm.
Bernd Haasis
06.08.2009 - aktualisiert: 06.08.2009 10:08 Uhr