Drucken Versenden

Zehn Jahre nach Sturm Lothar

Im Wald der Zukunft herrscht Vielfalt

Foto: dpa

Backnang - Im Schwarzwald und im Großraum Stuttgart hat der Orkan Lothar vor zehn Jahren am schlimmsten gewütet. Heute wird deutlich, dass der Sturm auch eine Chance für die Wälder war. Durch die Naturverjüngung und eine nachhaltige Pflege ist der Forst besser auf Klimaveränderungen vorbereitet.

Als der Orkan Lothar am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 über Baden-Württemberg fegte und mit Windgeschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern selbst über 100 Jahre alte und bis zu 50 Meter hohe Baumriesen wie Streichölzer knickte, richtete er einen Schaden von rund 750 Millionen Euro an. 20 Millionen Festmeter Holz lagen innerhalb weniger Stunden auf dem Boden. Die Menge entspricht dem Dreifachen dessen, was jährlich im ganzen Land an Holz geschlagen wird.

In vielen Gebieten hat Forstmeister Lothar noch wesentlich kräftiger zugeschlagen als es der durchschnittliche Wert aussagt. Im ehemaligen Forstamt Backnang entsprechen die angefallenen 300000 Festmeter Sturmholz der zehnfachen jährlichen Erntemenge. Die Topografie des Reviers, so der ehemalige Revierleiter Martin Röhrs, der jetzt für den ganzen Wald im Rems-Murr-Kreis zuständig ist, habe die Gewalt des Sturms noch verstärkt.

Wer heute durch die Wälder rund um Backnang streift, erkennt zwar die riesigen Flächen, die der Orkan vor zehn Jahren verwüstet hat, aber er sieht auch den neuen Wald nachwachsen. Wer genau hinschaut und den Jungwald mit dem alten Bestand vergleicht, wird feststellen, dass die Vielfalt der Baumarten zugenommen hat. Während im alten Wald die Fichte dominiert, wachsen auf den einstigen Orkanflächen Laub- und Nadelhölzer in einer bunten Mischung miteinander auf.

Mit dieser Vielfalt haben die Forstexperten die Lehren aus früheren Stürmen wie Wibke (März 1990) gezogen. Damals, so Martin Röhrs, seien nahezu alle geschädigten Flächen durch Neupflanzungen wieder aufgeforstet worden. Nach Lothar entschieden sich die zuständigen Behörden für eine andere Methode. Von den 481 Hektar, die der Sturm im Backnanger Revier gerodet hatte, wurde nur ein Drittel mit Bäumchen aus den Pflanzschulen aufgeforstet. Den Rest überließen der Revierleiter und seine Kollegen den Kräften der Natur.

Röhrs räumt ein, dass diese Methode der Waldverjüngung nicht gleich überall auf Zustimmung gestoßen ist. Mittlerweile haben sich aber auch die größten Skeptiker überzeugen lassen. "Es zeigt sich längst, dass ein naturverjüngter Wald wesentlich stabiler und gesünder ist als ein aufgeforsteter", behauptet der oberste Forstmann des Rems-Murr-Kreises.

Waldbäume die sich aus Samen gebildet haben, seien wesentlich besser im Boden verwurzelt als eingepflanzte aus den Baumschulen. Obwohl die jungen Bäume auf den Sturmflächen teilweise nur mannshoch sind, kann Röhrs feststellen, dass durch die Veränderungen im ehemaligen Backnanger Forstrevier (rund 5000 Hektar groß) zehn Prozent mehr Laubbäume stehen als vor dem Orkan. Ein bescheidener Zuwachs? "Nein", sagt der Forstexperte. Es sei ein großer Erfolg. Röhrs verweist darauf, dass ein nachhaltiger, ökologischer Waldbau darauf angelegt sei, die Bäume nach rund 100 Jahren zu schlagen. So lange dauere auch die Umwandlung von reinen Monokulturen zu gesunden Mischwäldern.

Der Experte ist überzeugt davon, dass der Wald nur in dieser Zusammensetzung auf die kommende Klimaveränderung vorbereitet ist und überleben kann. Wenn es, wie prophezeit, in Deutschland wärmer und trockener werde, komme dem Wald insbesondere in seiner Funktion als Wasserspeicher eine immer größere Bedeutung bei.

Damit die natürliche Verjüngung des Waldes funktioniert, muss für Forstexperten wie Röhrs vor allem das Rehwild intensiv gejagt werden. Im Großraum Stuttgart fehlen den Rehen die natürlichen Feinde wie beispielsweise der Luchs. Deshalb könne nur die Jägerschaft korrigierend in den Bestand eingreifen. Die Forstleute sprechen sich in diesem Zusammenhang nicht mehr für die Einzeljagd aus, sondern für Treibjagden im großen Stil. Dadurch sei es im Staatswald des Rems-Murr-Kreises im vorigen Jahr gelungen, 1200 Rehe zu erlegen. Eine Winterfütterung des Wilds lehnt Röhrs ebenfalls ab. "Dadurch erhöht sich nur die Reh-Population."
 

Gerhard Schertler

12.08.2009 - aktualisiert: 12.08.2009 17:56 Uhr

 



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise