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Meine Straße: Olgastraße

Wie ein unvollständiges Gebiss

Foto: Nitzsche

Thomas Waldhof und die Olgastraße in Stuttgart-Mitte und Stuttgart-Süd
 

Als im Jahr 1851 mit dem Bau der Olgastraße begonnen wurde, kamen Knochen ans Tageslicht. Buben aus dem Bohnenviertel, sagt man, hätten diese mit nach Hause genommen. Die Knochen stammten vom Sankt-Leonhard-Friedhof. Diesen hatte man beim Siechenhaus, einem Quarantänehaus, außerhalb der Stadtmauern angelegt, da besonders im Mittelalter Seuchen viele Menschen dahinrafften - die letzte Leiche bestattete man hier im Jahr 1799.

Thomas Waldhofs Kunden graben indes gerne in seinen Bücherhaufen. Rund 5000 Exemplare stehen in den meterlangen Regalen seines Ladens beim Olgaeck. Die Werke, die dort keinen Platz mehr finden, stapeln sich - gefährlich schwankend - auf Tischen und auf dem Boden. "Die Kunden lieben es, die untersten Bücher rauszukramen - ich glaube, das Gefühl, der Erste zu sein, der sich die Mühe macht, das Buch zu erobern, ist das gleiche wie beim Öffnen einer Schatztruhe", sagt der 47-Jährige.

Seit gut vier Jahren betreibt er hier den Secondhandladen für Bücher und Schallplatten, zuvor war er aber bereits an zwei Orten im Bohnenviertel ansässig. Damals hieß sein Geschäft Haggis - nach dem schottischen Nationalgericht: dem Magen eines Schafs, der mit Herz, Leber, Lunge, Nierenfett vom Schaf, Zwiebeln und Hafermehl gefüllt wird. "Mein Sortiment bietet eine ebenso bunte und wilde Mischung", sagt Waldhof, der einst ein Jahr in Schottland gelebt hat. Mit dem Umzug an die Olgastraße änderte er den Namen des Ladens in Tommes ab, seinen Rufnamen.

Der leidenschaftliche Leser und Musikhörer, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat, spricht mit weit weniger Begeisterung von der Olgastraße. Er habe sich dort nur niedergelassen, weil dies "die einzige noch halbwegs bezahlbare Lage" sei, sagt er mit verdrießlichem Gesicht.

Das war in den frühen Tagen der Olgastraße anders. Als sie als eine der ersten Straßen außerhalb der Stadttore gebaut wurde (die Stadtmauern waren bereits weitestgehend weggeräumt), reichten die Weinberge beinahe bis an den Gehweg herab. 1857 wurde die Rosenstraße bis zur Olgastraße weitergeführt, wo sich feine Herrschaften ansiedelten. Fabrikanten, Direktoren und Kaufleute legten hier Geld an, um für das Alter gesichert zu sein - denn staatliche Renten gab es keine. Günstig kam sie dies sicher nicht - es heißt, dass die Bauhandwerker damals hohe Löhne bekamen: die Folge erhöhter Bautätigkeit, da die Stadt ständig erweitert wurde. Und die Prachtbauten, die an der Olgastraße entstanden, haben viele Handwerkerstunden erfordert.

"Die sind vor allem hier, zwischen dem Olgaeck und der Wilhelmstraße, alle im Krieg zerbombt worden", sagt Waldhof und deutet auf die 50er-Jahre-Wohnblöcke, die an deren Stelle gebaut wurden. Nur ganz vereinzelt steht da noch eines vom alten Typ, mit Steinfassade, einem schmiedeeisernen Balkon und Giebeln. Am Anfang der langgestreckten Häusermeile, wo die Moserstraße abbiegt, sind noch mehr alte Häuser erhalten, darunter Villen im französischen Stil und palaisartige Häuser - und auch ab der Kreuzung Wilhelmstraße bis zur Immenhoferstraße stehen noch große Etagenhäuser aus der Gründerzeit.

Hier, am Ende der Olgastraße, ist auch ein Schild angebracht, das an die Namensstifterin der Straße erinnert: Königin Olga von Württemberg. "Die Straße sieht - wie das gesamte Bohnenviertel - aus wie ein unvollständiges Gebiss", bringt Waldhof das Straßenbild auf den Punkt.

Ein Gebiss, durch das die Autos pfeifen wie sonst höchstens der Wind. "Die verwechseln die Olgastraße mit einer Raserstrecke und fahren teilweise mit 120 Sachen hier durch", sagt Waldhof. 1870 hatte der Pflastergelderheber Christian Hamm sein Torhäuschen an der Olgastraße und kassierte eine Maut für die Nutzung gepflasterter Wege, da der Gemeinderat 1860 einen Zuwachs des Verkehrs bemerkte, weil zu den dreißig Droschken , die durch Stuttgart fuhren, zwölf Einspänner hinzukamen.

Den Verkehr schätzt Waldhof nur insofern, als dieser ihm ab und zu einen Kunden beschert: "Manchmal sehen Autofahrer meinen Laden ihm Vorbeifahren - und wenn dann endlich mal ein Parkplatz frei sein sollte, kommen sie rein", sagt er. Aber künftig, vermutet er, werden hier vor allem Lastwagen rollen, um den Schutt von der Großbaustelle Stuttgart 21 wegzukarren. "Dafür haben sie Geld, aber für die Kulturmeile nicht - dabei würde diese endlich die Grenze zwischen der Innenstadt und dem Bohnenviertel beseitigen." Die Konrad-Adenauer-Straße hielte nämlich die Menschen fern - allein die Postfiliale in der Blumenstraße bringe ihm Kunden ein. Doch diese soll nun abgeschafft werden. "Dann wird's hier düster", prophezeit Waldhof.

Gibt es nicht doch etwas Positives über die Olgastraße zu sagen? Waldhof muss lange in seinem Gehirn graben. "Na ja, es gibt inzwischen ein paar schöne Geschäfte hier", sagt er mit Blick auf den Blumenladen gegenüber. "Ansonsten ist's zwar nicht schön hier, aber man kennt wenigstens seine Pappenheimer." Das Bohnenviertel und die Ecken rundum seien wie ein kleines Dorf mitten in der Stadt.

"Erst die Gemeinschaft macht den Menschen wahrhaft zum Menschen" - diese Worte Pestalozzis stehen auch am Pestalozziheim. Das Althergebrachte und das Neue unterscheiden sich auch eben auch an der Olgastraße nicht grundlegend.
 

Andrea Jenewein

12.08.2009 - aktualisiert: 18.01.2010 15:20 Uhr

 



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