Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 13.08.2009
Coraline
Hinter der Fassade gähnt ein Abgrund
Was für Bilder, was für eine dreidimensionale Tiefenschärfe: Aus dem Nichts sprießt da ein Zaubergarten, dessen schillernde Bewohner die Welt erfüllen, als tanzten sie Ballett, und ein vermenschlichter Mäusezirkus gibt eine prunkvolle Vorführung mit Pauken und Trompeten, bei der jede Bewegung und jede Geste bis ins kleinste Detail sitzen; doch es sind nur Fassaden, hinter denen ein Abgrund gähnt. Man kennt diese künstlerische Perfektion und diese Doppelbödigkeit von Trickfilmregisseur Henry Selick, den Tim Burton einst nicht umsonst für den "Nightmare Before Christmas"-Grusel (1993) engagierte.
Nun hat Selick Neil Gaimans gleichnamiges Jugendbuch adaptiert. Das Mädchen Coraline, genervt von gleichgültigen, allzu beschäftigten Eltern, findet hinter einer Geheimtür eine bunte Gegenwelt, in der die Mutter Leibspeisen kocht, der Vater Abenteuer inszeniert und niemand sie fälschlich "Caroline" nennt. Sie würde gerne für immer bleiben, doch ein seltsames Unbehagen erfüllt sie, das in einem Punkt konkret wird: Wo Augen sein sollten, haben alle Bewohner dieser Welt Knöpfe, und auch Coraline müsste sich welche annähen lassen.
Mit überbordender Fantasie und meisterhaftem Handwerk hat Selick einen 3-D-Film inszeniert, der vor irrwitzigen Ideen, kantigen Charakteren und liebevoller Puppenanimation nur so strotzt. Damit hätte er unsterblich werden können - wäre ihm nur nicht die Metaebene entgleist.
Selick lässt Coralines unaufmerksame und herzlose Eltern mit dem Schrecken davonkommen und erspart ihnen die Läuterung, gerade so, als sei alles tatsächlich nur ein böser Spuk gewesen und die Geschichte keine Parabel auf gedankenlose Erwachsene und vernachlässigte Kinder.
Bernd Haasis
13.08.2009 - aktualisiert: 13.08.2009 10:51 Uhr