Drucken Versenden

Diesen Kopf kennt jeder

Herr Kenner trinkt Württemberger

Foto: Piechowski

Esslingen - Richard Kenners Kopf kennt fast jeder. Die Württemberger Weinerzeuger sprechen sogar vom „Kennerkopf“. Erraten? Der 89-Jährige ist jener, der sein Konterfei dem Markenzeichen der Württembergischen Weingärtner-Genossenschaft lieh – und das bereits 1961.

Kenner trinken Württemberger
Foto: StN
Doch auch der Werbespruch "Kenner trinken Württemberger" geht auf den rüstigen Esslinger Weingärtner zurück. Beim vormittäglichen Umtrunk an Heiligabend in der Untertürkheimer Kelter habe der Küfer ihm zugerufen "Kenner, trink Württemberger". So jedenfalls erinnert sich Kenner heute.

Horst Reuschle, Prokurist bei der Werbegemeinschaft Württembergischer Weingenossenschaften, wurde die Episode dagegen so überliefert: Richard Kenner habe, während er bei einer Weinprobe sein Glas hob, gesagt: "Kenner trinkt Württemberger." "Die Genossenschafts-Vertreter haben den etwas abgewandelten Spruch dann schützen lassen", sagt Reuschle.

Bald war Richard Kenners Profil - wenn auch in stilisierter Form - überall zu sehen: auf Weinflaschen, Aschenbechern, Aufklebern. Nur die Fliege am Hemdkragen war eine Erfindung des Zeichners: "Die hatte er nie an, und auch eine Krawatte, nur wenn's sein muss", lacht seine Frau Marta. Während in Kenners Gesicht über die Jahre vielleicht die eine oder andere Falte hinzukam und sich das Haar womöglich etwas lichtete, wurde der Kennerkopf werbewirksam immer weiter verjüngt: "Das Doppelkinn wurde retuschiert und die Schrift modifiziert", sagt Reuschle.

Vor drei Jahren war dann endgültig Schluss: Die Modernisierung machte auch vor der Weingärtnergenossenschaft nicht halt, das Traditions-Markenzeichen wurde verfremdet. Jetzt soll eine alterslose Person, die Frau und Mann sein könnte, symbolisieren, dass Württemberger Weine für alle da sind.

Richard Kenner nimmt das alles gelassen. Auch dass er nie einen Pfennig oder Cent gesehen hat für ein Werbemittel, das 45 Jahre lang Markenzeichen und Qualitätssiegel der Genossenschaftsweine war. Horst Reuschle sagt dazu nur so viel: Der Spruch sei ja eher per Zufall entstanden. Dennoch sind Siegel und Slogan beim Patentamt in München eingetragen, und sogar ein Patentanwalt wurde inzwischen eingeschaltet. Er wacht akribisch darüber, dass niemand Kenners Kopf und Werbespruch für andere Zwecke nutzt.

Doch auch wenn Richard Kenner nicht reich geworden ist durch die Aktion Kennerkopf - im Paradies lebt er trotzdem. Genauer: im Paradiesweg auf den Höhen Esslingens. Damit wäre der Garten ums Haus auch schon beschrieben: Tochter Else Florczyk ist Floristin und pflegt das Blumenmeer. Im Dezember feiert Richard Kenner den 90., seine Frau Marta den 88. Geburtstag. Bis vor drei Jahren arbeiteten beide noch im Weinberg, dann gaben sie alles auf: "60 Ar sind heute einfach zu wenig, um davon zu leben", sagt Marta Kenner. So haben alle drei Söhne schließlich einen anderen Beruf ergriffen.

Doch auch der Senior unter den Kennern nimmt mehr und mehr Abstand vom Wein: Er verträgt die Säure schlecht und trinkt nun lieber mal ein Bier.
 

Annette Mohl

13.08.2009 - aktualisiert: 13.08.2009 18:03 Uhr

 



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise