Stuttgart - 2010 will die Bahn AG gleichzeitig mit dem Bau des Tiefbahnhofs in Stuttgart auch den der ICE-Strecke Wendlingen-Ulm starten. Kritiker sehen für die Alb-Trasse eine Kostensteigerung von 175 Prozent voraus. Angesichts dieser Horrorzahl stellen die Grünen nach Stuttgart 21 auch den Streckenbau infrage.
"Unter dem Kostengesichtspunkt ist die Strecke ein absolutes Luxusprojekt", sagt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann. Die Bahn stehe damit kurz davor, "Harakiri zu begehen", andere Strecken seien für den Konzern weit wichtiger.
Hermann pflegt im Berliner Parlament beim Thema Bahn keine nur auf Stuttgart zentrierte Sicht. Der Kampf der Parteifreunde in der Landeshauptstadt sei lange ausschließlich gegen Stuttgart 21 mit dem Tiefbahnhof geführt worden. Hermann plädiert dafür, den verengten Blick zu weiten.
"Wir haben uns auf Stuttgart 21 konzentriert, weil dieses Projekt das größte Übel ist. Wir wollten die Strecke nicht auch noch infrage stellen", sagt der Tübinger Abgeordnete. Angesichts der Kostenprognosen und möglicher verheerender Wechselwirkung der Strecke auf den Bahnbetrieb in Stuttgart müsse aber neu diskutiert werden.
Den Anlass zur Debatte liefert Karl-Dieter Bodack. Der 71-jährige Maschinenbau-Ingenieur stand über Jahrzehnte in Bahn-Diensten. Doch längst gilt der Ex-Manager als scharfer Kritiker seines früheren Arbeitgebers. Vor dem Verkehrsausschuss des Bundestags referierte der emeritierte Professor im Juli über das Gesetz zum Erhalt und Ausbau der Schienenwege. Im Detail führte Bodack die 59 Kilometer nach Ulm über und durch die Alb als "Beispiel einer herausragenden Fehlplanung" der DB an.
Nach Bodacks Rechnung wird die Strecke Wendlingen-Ulm 5,5 Milliarden Euro kosten. Die planende Bahn AG gibt bisher zwei Milliarden an. Bodack ist nicht grundsätzlich gegen Neubauten. "Als alter Bahner freue ich mich, wenn in die Schiene und nicht in Straße investiert wird", sagt er.
Doch die Freude kennt offenbar Grenzen. Bodacks Rechnung fußt auf einem früheren Kostenansatz des Münchener Gutachterbüros Vieregg-Rössler, zu dem er Erkenntnisse aus dem Bau der Strecke Nürnberg-Ingolstadt fügte. Das Vorhaben in Bayern war geologisch hoch anspruchsvoll. Die 27 Kilometer Tunnel (2,8 Millionen Kubikmeter Aushub) führten aber durch trockenes Gestein. In der Alb, wo wegen der eingleisigen Tunnel 4,9 Millionen Kubikmeter Aushub anfallen, müsse dagegen mit Wassereinbrüchen gerechnet werden. Die Strecke sei "höchst unwirtschaftlich", sie bringe der Bahn nichts. "Wir brauchen eine andere Planung", fordert Bodack ein Umdenken.
An der Strecke nach Ulm zahlt das Land einen Festbetrag von 950 Millionen Euro. Der Bund übernehme alle eventuellen Mehrkosten, bügelte der neue Stuttgart-21-Frontmann Wolfgang Drexler (SPD) bei seiner Präsentation vor drei Wochen im Landtag Nachfrager ab. Finanzlöcher auf der Alb würden die Bahn AG und das Land dennoch treffen. Denn wenn zwei Milliarden nicht reichen, muss die Bahn AG Kredite aufnehmen, um den Weiterbau zwischenzufinanzieren. Dann, so steht es im Finanzierungsvertrag zu Stuttgart 21, müsste das Land bei Mehrkosten von Stuttgart 21 für die Bahn einspringen. Kostenpunkt: 130 Millionen Euro. Beide würden ihr Geld zurückerhalten, sobald der Bund wieder flüssig wäre.
Kein Wunder also, dass Drexler eine Diskussion über die Strecke abwiegelte. Immerhin suchte der Stuttgart-21-Botschafter mit den Gutachtern Martin Vieregg und Karlheinz Rössler das Gespräch. Sie hatten 2008 im Auftrag der Gegner Stuttgart 21 gerechnet. 6,9 statt der von der DB angegebenen 3,1 Milliarden Euro seien nötig, so ihr Fazit. "Wenig Substanz, viel Panikmache", hatte Drexler geurteilt. Weil der Genosse eine Entschuldigung ablehnte, ließen ihn die Gutachter jetzt in ihrem Büro einfach sitzen.
Vieregg und Rössler witterten offenbar eine Strategie der Umarmung und Einflussnahme, wie sie der Verein Pro Stuttgart 21 seit neuestem betreibt. Er bittet seine mehr als 800 Mitglieder per elektronischer Post, Internet-Umfragen zum Bahnhof mit starker eigener Beteiligung in die gewünschte Richtung zu lenken. "Der Verein reagiert, wir überlassen das Feld nicht den Gegnern", lobt Vorstandsmitglied Alexander Kotz das Vorgehen.
Laut Winfried Hermann drohen bei Stuttgart 21 für die Stadt ganz andere Probleme als schlechte Umfrageergebnisse. Die Strecke über die Alb hinke planerisch um Jahre hinter dem Bahnknoten her. Tatsächlich erwartete die Bahn bis spätestens Januar 2009 Baurecht für alle sieben Abschnitte. Sie hat es für zwei. Wenn die DB 2010 den Tiefbahnhof starte, riskiere sie in Stuttgart eine milliardenteure Wartezeit, sagt Hermann, denn alles kann nur gemeinsam in Betrieb gehen. "Ohne Baurecht für die gesamte Strecke kann die Bahn hier nicht beginnen", warnt Herrman vor Harakiri, einer in Japan verbreiteten Selbstmord-Variante.
Klaus-Dieter Bodack hofft auf Einsicht im DB-Aufsichtsrat und eine alternative Planung. Größtes Hindernis dabei seien die 460 Millionen Euro, die die Bahn von der Stadt 2001 für den Verkauf ihrer Gleisgrundstücke erhalten hat. Der Konzern müsste zurückzahlen. Davor, sagt Bodack, habe auch der neue Bahn-Chef Rüdiger Grube "eine Höllenangst".
Konstantin Schwarz
17.08.2009 - aktualisiert: 17.08.2009 10:25 Uhr
Lesermeinungen
29.08.2009 01:49 Autor: Paula
@Justus
Die "Grünen" haben keine Schönfärberei zum Thema Stuttgart 21 an den Tag gelegt, wie andere Herrschaften aus dem Rathaus. Das Scheitern eines Bürgerentscheids wurde trotz der Wahlschlappe dieses diktatorischen OB´s gekippt - was glauben Sie wer hier die Fäden im Untergrund in der Hand hat? - RICHTIG, nicht die "Grünen".
Es ist ein Skandal was sich hierzulande in Stuttgart abspielt, dies alles hat mit Demokratie nichts mehr zu tun...
Doch die Wahlen stehe an, da wird vieles verschwiegen. Zum Beispiel, dass gegen die Bundesrepublik ein Strafverfahren vorliegt, weil sie mehr Schulden aufgenommen hat, als erlaubt ist und mit ca. 1500Milliarden im Minus steht. Diese Anleihen sind Monat für Monat an die Gläubiger aus dem In- und Ausland fällig. Aber der Staat kann das Geld gar nicht zurück bezahlen weil er überhaupt keine Haushaltsüberschüsse hat. Im Gegenteil, Jahr für Jahr kommen neue Schulden dazu - und darum nimmt der Staat jeden Monat riesige Darlehen auf um die alten bedienen zu können. - Wie sollen Menschen einer Politik vertrauen die sich in Abhängigkeit befindet - und die sich zur Krönung mit Prestigeprojekten wie Stuttgart 21 noch ein persönliches Denkmal setzen will...
26.08.2009 15:14 Autor: Uta Hees
Also Justus - gemach gemach. Die GRÜNEN haben uns nicht versprochen, dass man mit ihrer Wahl S21 los werden könnte. Sie haben gesagt, dass sie es versuchen werden und dafür kämpfen. Und ? tun sie das nicht ?
Was die Schnellbahntrasse Wendlingen-Ulm anbelangt, finden Sie im Diskussionsforum der STN/STZ "Grüne Front bröckelt ..." den folgenden Text von "santamarinello" - dort nachzulesen: "OK, jetzt hab ichs gesehen. Der Thread bezieht sich auf einen Artikel und Kommentar aus der Südwest-Presse Ulm. Die Ulmer und die IHK dortselbst haben natürlich ein starkes interesse an der NBS und reagieren auf Nachfragen ein bißchen empfindlich. Einige Grüne, u.a. der BT-Abgeordnete Winfried Herrmann und der Biberacher Eugen Schlachter, haben es gewagt an der Seriösität der Bahn-Planzahlen zu zweifeln. Ebenso haben sie die "Vor"finanzierung einer originären Bundesaufgabe durch das Land kritisiert - beides ist aber durchaus diskussions- und fragwürdig.
Es ist ja legitim zu sagen, dass die Milliarde, welche das Land dem Bund vorfinanziert (und von der das Land nie mehr auch nur einen Cent zurückbekommen wird) für andere originäre Landesaufgaben nicht mehr zur Verfügung stehen. Da ist nichts falsch dran, und die harsche Reaktion der Lobbyisten zeigt nur, wie wenig sie eigentlich von der Sache begriffen haben."
Sagen Sie - was ist daran falsch, wenn man das vernünftige Augenmaß darauf richtet, dass eine Ausgabe / Investition auch sinnvoll und zielführend ist und den positiven Effekt erzeugt. Teuer ist alles - aber wir wollen doch für den Euro den größtmöglichen Gegenwert haben, nicht nur für heute, sondern für die Zukunft gesehen und möglichst schonend mit der Umwelt über und unter Tage umgehen.
In diesem Sinne - ... wäre es gut, wenn man sich umfassend informiert, bevor ... !
Schönen Tag noch.
26.08.2009 12:31 Autor: Justus
Grüne Lügner!
Man mag dem Schuster allerhand vorwerfen, aber was die Grünen treiben ist mit das Letzte! Nicht nur, dass sie im Vorfeld der Kommunalwahl aktiv Wählertäuschung betrieben, indem sie die Abwählbarkeit von S21 proklamierten, jetzt outen sie sich langsam auch als Gegner des gesamten Projektes, also auch der Schnellbahntrasse nach Ulm. Vor der Wahl wollten sie sich noch als zukunftsorientiert geben, und jetzt kommt ihr wahres Gesicht hervor: Total-Verweigerer und ideologisch Verbohrte! Das hat nichts mit den Grünen zu tun, die wir andernorts kennen - das ist unser Phänomen hier, und wir dürfen in den nächsten fünf Jahre die Zeche dafür zahlen. Bravor, Ihr Protestwähler!