In der zweiten Augusthälfte beginnt es bei den meisten Wangenern in der Magengegend zu kribbeln und im Tanzbein zu jucken. Denn dann steht die Kirbe auf dem Programm - und die weckt große Erwartungen und noch mehr Erinnerungen.
Bei Uschi Kirchner ist das nicht anders. Vor genau 30 Jahren gehörte sie als 19-Jährige zum Kirbe-Jahrgang, der traditionell die Disco und den Kirbeumzug organisiert. "Das war schon ein prägendes Ereignis." Damals hatte Uschi gerade ihren Wolfgang kennengelernt, mit dem sie inzwischen längst verheiratet ist.
Doch was sind schon drei Jahrzehnte, wenn man wie Uschi Kirchner in der Höhbergstraße, dem wohl ältesten Ortsteil von Wangen, aufgewachsen ist. "Mein Elternhaus ist 450 Jahre alt", sagt die Frau und deutet beim Blick aus dem Fenster des Fachwerkhauses die Straße entlang, die eigentlich nur eine schmale Gasse ist. Das Haus gegenüber geht sogar auf das Jahr 1450 zurück. Ein Jahrhundert später wurde dort im Wohnzimmer eine Schulstube eingerichtet.
Warum gerade der Bereich Höhbergstraße so früh bebaut wurde, hat mehrere Gründe. Die Lage am Westhang des Neckartals war nicht nur hochwassersicher. Ein Quellhorizont spendete gutes Trinkwasser. Und nicht zuletzt war es von hier nicht weit zu den Weinbergen am Wangener Berg.
Kein Wunder, dass jedes der historischen Häuser in der Höhbergstraße auf einem geräumigen Gewölbekeller ruht. Nicht nur das Kloster Anhausen an der Brenz lagerte hier vor Jahrhunderten den Ertrag ihrer Wangener Weinberge ein, auch die Vorfahren von Uschi Kirchner hatten volle Fässer im Keller. "Mein Vater hat seinen Weinberg bis zum 85. Lebensjahr noch selbst bewirtschaftet", sagt sie. Vor vier Jahren, als es ihm zu beschwerlich wurde, übernahm ein Pächter das anstrengende Geschäft.
Mit dem eigenen Trollinger im Rücken schweift der Blick der Bewohner der Höhbergstraße hinüber auf die andere Neckarseite. Von jedem Haus, von jedem Balkon sind drüben die sattgrünen Weinhänge von Untertürkheim zu sehen. "Der Blick auf die Grabkapelle ist hier für alle sehr wichtig", sagt Uschi Kirchner. Als sie mit ihrem Mann vor sechs Jahren auf dem großen Gartengrundstück ihrer Eltern ein neues Haus baute, war die freie Sicht zum Württemberg für alle Beteiligte die Bedingung, die der Neubau auf jeden Fall erfüllen musste.
Mit der Kapelle drüben verknüpfen die Wangener viele Emotionen. "Zur Grabkapelle hat man schon als Kind Schulausflüge gemacht", erinnert sich Uschi Kirchner. Das Wichtigste aber war dort dann doch der Blick zurück. Unterhalb der Wangener Höhe und etwas versetzt vom markanten Turm der Michaelskirche entdeckte sie dort ihr Elternhaus.
"Wer hier wohnt, will hier nicht mehr weg", begründet Uschi Kirchner ihre nunmehr fast 50-jährige Ortstreue. Denn Wangen ist weit mehr als die lärmende B10 am Neckarufer und die in Richtung Gaisburg und Hedelfingen wuchernden Gewerbegebiete. "Hier lässt es sich wunderbar wohnen." Die Frau aus der Höhbergstraße lobt die ruhige Lage, die üppigen Gärten, die Läden in fußläufiger Entfernung und die nahe Stadtbahn, die in nur 15 Minuten bis zum Hauptbahnhof fährt. "In der Höhbergstraße kann man alt werden", lautet das Urteil von Uschi Kirchner. Das gelte nicht nur für ihren Vater, auch die Schweigermutter habe das erkannt. "Sie ist mit 79 Jahren von Scharnhausen hierher gezogen."
Beim Entlangschlendern offenbart die Höhbergstraße zwei unterschiedliche Gesichter. Der südliche Straßenteil ist breiter und hieß bis 1936 noch Seestraße. Der Name ging auf einen früheren Weiher zurück, der sich aus Regenwasser speiste. Von der Hausnummer 24 an bis zum Straßenbeginn ist die Höhbergstraße eher eine Gasse, die über einen flachen Buckel führt. Von beiden Seiten scheinen die Häuser immer enger zusammenzurücken und die wenigen Autos, die sich in die Einbahnstraße wagen, in die Zange zu nehmen. Die hohen, fensterlosen Kellergeschosse mit den schweren, verschlossenen Holztüren wirken auf den ersten Blick abweisend. Fast wie in einer mittelalterlichen Stadt, die sich gegen Pest und Plünderung verbarrikadiert hat.
Doch meist war es das Wasser, das in der Vergangenheit den Bewohnern zusetzte. Es kam nicht als Flut vom Neckar, sondern nach Unwettern in Sturzbächen vom Wangener Berg herunter. Weil die Gasse dadurch immer mehr ausgespült wurde, behalfen sich die Anwohner bereits Jahrhunderte vor dem Bau einer Entwässerungskanalisation dadurch, dass sie in diesem Teil der Höhbergstraße Straßenpflaster verlegten. Diese Neuerung erregte damals wohl großes Aufsehen. Noch heute heißt dieser Straßenabschnitt bei den Älteren "Am Pflästerle".
Uschi Kirchner ist hier groß geworden. Hier hat sie ihr erstes Plästerle aufs aufgeschlagene Knie bekommen, hier war sie behütet, hier hatte auch die Nachbarschaft immer ein wachsames Auge auf das Mädchen. Uschi Kirchner erinnert sich besonders an eine ältere Frau aus der Nachbarschaft, die immer am Fenster stand und der auch zu später Stunde nichts entging. "Die Uschi ist gestern Nacht schon wieder mit einem anderen Auto heimgekommen", erstattete die Nachbarin tags darauf genau Bericht. Die so Beobachtete hätte der Frau damals am liebsten ein Plästerle auf den Mund geklebt. Inzwischen kann Uschi Kirchner über die Vergangenheit schmunzeln. "Hier herrschte halt ein dörflicher Charakter." Und: "Daran hat sich bis heute wenig geändert."