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Charlotte Knobloch

Leben in einem Ghetto

Stuttgart - Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat in einem Zeitzeugen-Gespräch über das gelebte Judentum in Deutschland zwischen 1949 und 1989 berichtet.

Um der Deportation zu entkommen, hat sie eine ehemalige Hausangestellte als ihr uneheliches Kind angegeben. Zurück in München mit dem Vater, gab es vor allem einen dringenden Wunsch: die Auswanderung. "Ich konnte den Menschen um mich herum allgemein nicht trauen, dass sie auf einmal ihre Gesinnung geändert haben", so Knobloch. Sie erinnert sich dabei unter anderem daran, dass nichtjüdische Kinder auf einmal nicht mehr mit ihr spielen durften. Doch dann kam die Ehe mit Samuel Knobloch, "der nahezu alle polnischen Konzentrationslager überlebt hat" (Knobloch), erste berufliche Erfolge ihres Mannes und schließlich kurz hintereinander zwei Kinder. Die Folge: Die Familie ist in München geblieben, Charlotte Knobloch hat mit ihrem unermüdlichen Einsatz für die Sache die vertraute Karriere gemacht.

"Jahrzehntelang lebten wir in einem Ghetto. Es gab keinerlei Kontakt zu Nichtjuden", erinnert sie sich an die Nachkriegsjahre, "der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte vor allem die Aufgabe, die großen Gemeinden in den großen Städten zu erhalten." Denn längst nicht alle, die wollten, durften auch auswandern. Knobloch: "Die Vereinigten Staaten stellten hohe Anforderungen an die Gesundheit und hatten eine Altersgrenze. Auch Israel war eigentlich nur etwas für gesunde Menschen, da die Eingewanderten dort noch lange in Zeltstädten lebten." Heute spricht sie von "blühenden jüdischen Gemeinden in Deutschland", vor allem dank der Zuwanderung aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion. "Anfangs wussten wir nicht, wie wir mit dem Ansturm fertig werden sollen, viele mussten wir mit den Grundsätzen der jüdischen Kultur und Religion erst einmal vertraut machen", so Knobloch. Inzwischen sei dies etwa zur Hälfte abgeschlossen. "Sie haben uns dabei sehr geholfen", bemerkte sie mit einem Blick ins Publikum.

Unter ganz anderen Aspekten erlebte ihr Gesprächspartner Hermann Simon diese Zeit, der das Berliner Centrum Judaicum leitet. "Vor dem Fall der Mauer gab es de facto zwei jüdische Gemeinden in Berlin", berichtet Simon: "In Zeiten der DDR gab es kein Interesse an öffentlichen Auftritten von uns, wir haben uns vor allem in Kirchen getroffen." Spannungen gab es dennoch reichlich: "Insbesondere in den 1980er Jahren wurde in Schulbüchern der Eindruck erweckt, als hätten wir an der Seite der Roten Armee gekämpft."
 

Von Armin Friedl

19.08.2009 - aktualisiert: 20.08.2009 16:09 Uhr

 



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