Berlin - Der Streit um leere Plätze und teure Tickets bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin geht weiter.
Eine der Quizfragen, die der Stadionsprecher zur Überbrückung der Wettkampfpausen während der Leichtathletik-WM in Berlin stellt, lautet: "Wann wurde hier im Olympiastadion die erste Tartanbahn verlegt - 1936, 1968 oder 1972?" Als "kleiner Tipp" soll der Hinweis dienen, dass ein Jahr später die Apollo-11-Mission gestartet sei. "War der Hitler auf dem Mond?", fragt verdutzt ein Teenager in rotem T-Shirt seine Kumpanen. "Volonteer", steht auf Englisch auf dem Stoff: freiwilliger Helfer dieser WM.
Es läuft nicht gut im Stadion jenseits der Tartanbahn. Zu viele rote T-Shirts, blaue und grüne - jene signalfarbenen Hemden, die ihre Träger als Helfer, Organisatoren oder Funktionäre ausweisen. Zu viele Farbtupfer: Mannschaftsmitglieder sitzen im Pulk zusammen, meist in ihren einheitlich bunten Trainingsanzügen und zeigen Flagge für ihre Athleten. Familienangehörige von Sportlern erscheinen im Einheitslook.
Die normalen Fans nehmen zwischen ihnen Platz. Inmitten der so hässlichen wie unbequemen grauen Plastikschalensitze. Zusammen sorgen sie alle für jene prächtige Stimmung, für die ihnen vor allem die Sieger danken. So, als wäre hier eine Notgemeinschaft zusammengewachsen, die weiß, was sie den besten Leichtathleten der Welt dort im blauen Rund schuldig sind: Begeisterung - und sei sie noch so verabredet.
Die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin - das Sportereignis des Jahres in Deutschland - leidet unter Zuschauermangel. Oder an Liebesentzug und Desinteresse? Sicher an einem desaströsen Marketingkonzept. Vor allem jedoch an der Weigerung der Verantwortlichen, sich eines Besseren zu besinnen und zu retten, was zu retten ist. Es gibt Zahlen, die wahlweise zum Eindruck im Stadion passen oder ihn konterkarieren: Am Super-Sonntag, als der Jamaikaner Usain Bolt wie auf Bestellung seinen 100-m-Weltrekord pulverisierte, wirkte dasStadion nur zu vier Fünftel besetzt. Offiziell heißt es, dass 5000 der 56.000 Karten liegengeblieben sind.
Für den Montagabend sollen 30 000 Tickets verkauft worden sein, für den nächsten Vorkämpfe-Morgen 19.000, für den Dienstagabend wiederum 30.000. Vergleichbar der Mittwoch, als immerhin der zweitägige Zehnkampf beginnt. Zahlen, die stutzig machen, denn die Tages- oder Dauerkarten gelten für den kompletten Wettkampftag und die ganze Woche. Großzügig aber zählen die Veranstalter die Besucherzahlen von morgens und abends zusammen - als wenn in der Bundesliga die Fans vor und nach der Halbzeit addiert würden.
Michael Mronz ist Marketingchef des Organisationskomitees. Der Rheinländer hat erfolgreich den Kölner Erstliga-Basketball, den Marathon dort und das Aachener Chio-Reitturnier präsentiert - drei Selbstläufer mit traditionellem Fan-Bestand. Leichtathletik in Deutschland ist kein Selbstläufer. Auch nicht in der Hauptstadt, von der ihr Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit behauptet: Berlin zieht immer. Mronz scheint sich darauf verlassen - und sich übernommen zu haben, auch wenn er darauf beharrt, auf eine halbe Million Zuschauer zu kommen. Die leeren Ränge sprechen eine klare Sprache, so gnädig die TV-Kameras auch über sie hinwegschwenken.
Erkennbar verheerend also das PR-Konzept, erst international, dann deutschlandweit und erst zuletzt in Berlin die WM zu bewerben. Wenn die Gegend um das Brandenburger Tor und den Pariser Platz nicht eine Woche vor dem ersten Startschuss weiträumig abgesperrt worden wäre, hätte der gemeine Hauptstädter kaum bemerkt, dass bald die WM beginnt. Die Freizeitkonkurrenz der Stadt ist derart groß, dass sich Familien spontan überlegen, wohin sie gehen - und ob sie für die WM zwischen 30 und 135 Euro pro Person ausgeben. "Zu teuer", meint Speerwurfsiegerin Steffi Nerius.
So liegen die Stadiontore da wie verriegelt. Macht das Tor auf? Herein mit allen, und zwar kostenlos? Verbilligte Tickets wird es nicht geben, sagt Mronz, selbst wenn Berliner Lokalpolitiker dies inzwischen fordern - und beherzt munkeln, inwieweit Mronz von seiner Liäson mit FDP-Chef Guido Westerwelle profitierte, um die WM managen zu dürfen.
"Das Stadion ist für diese WM zu groß", sagt Berlins Tourismuschef Burkhard Kieker. Die Leute blieben aus, weil die Leistungen der deutschen Athleten zuvor zu schlecht waren, meint Ex-DLV-Präsident Helmut Digel, der dafür nicht einmal ausgepfiffen wird. Tatsächlich ist die WM ein TV-Ereignis: ARD, ZDF und Eurosport melden Top-Quoten. Ihre Zuschauer sehen Top-Sport, daheim in bequemen Sesseln, und sie hören keine blöden Antworten auf Quizfragen des Stadionsprechers. Schließlich: Das Berliner Stadion wurde 1936 zwar für die Olympische Spiele unter NS-Banner eröffnet - den Tartan-Kunststoffbelag gibt es hier seit 1968, ein Jahr bevor die USA auf dem Mond landeten.