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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 20.08.2009

Inglourious Basterds

Vom verstörenden Charme des Bösen

"Once upon a time in Nazi-occupied France" - mit dieser Einblendung beginnt Quentin Tarantino, und was folgt, ist mehr als eine Hommage an Sergio Leone: Der Amerikaner schiebt dem Historienfilm eine suggerierte dreckigere Wahrheit unter, wie der Italiener es einst mit dem Western getan hat.

Während sich ein Nazi-Kommando, bedrohlich musikalisch unterlegt und stark verzögert, einem französischen Bauernhof nähert, zitiert Tarantino noch; dann folgt die längste, langsamste und aufregendste Eröffnung seit langem: Der SS-Oberst und Judenjäger Hans Landa treibt im Plauderton den Bauern Perriere LaPadite verbal in die Enge, erst auf Französisch, dann nicht minder fließend auf Englisch, bis er hat, was er will: die Bestätigung, dass Juden versteckt sind unter dem Holzboden, den Landa prompt durchsieben lässt mit Kugeln, die Löcher vom Durchmesser von Hühnereiern hinterlassen, "larger than life" - da ist Tarantino ganz bei sich und den B-Movies, die er liebt.

Dass die Kammerspielszene in stilisiertem Kino-Trash enden muss, hat sich angedeutet in der Art, wie Landa ein simples Glas Milch bejubelt, wie er eine viel zu große Pfeife entzündet hat. Der österreichische Schauspieler Christoph Waltz ist dieser SS-Oberst Hans Landa, und er beherrscht den Film nach Belieben, bringt jede und jeden unweigerlich in die Klemme mit seiner kultivierten Penetranz, unbequem fragend, kalt lächelnd. Waltz gibt dem perfiden Bösewicht eine mephistophelische Aura, und er verkörpert mit gespenstischem Charme, was an den Nazis bis heute so verstörend wirkt: Wie es gelungen ist, dass so viele in einem so kultivierten Land den Rückfall in eine derartige Barbarei mittragen oder ihr zumindest nicht widersprechen konnten.

Vom Bauernhof des Jahres 1941 entkommt nur die junge Shosanna. Ausgerechnet in sie verliebt sich 1944 in Paris ein deutscher Kriegsheld (als perfekte unsensible Nervensäge: Daniel Brühl). Er besucht das Kino, das Shosanna von ihrer Tante geerbt hat, und besteht darauf, dass dort die Premiere seines autobiografischen Kriegsfilms stattfindet, zu dem die NS-Führungsriege inklusive Hitler erwartet wird. Shosanna, aufmüpfig und kühl verkörpert von Mélanie Laurent, erkennt ihre Chance, nicht ahnend, dass andere dieselbe Idee haben - Tarantino macht den Traum eines erfolgreichen Anschlags auf Hitler am Ende gleich doppelt wahr.

Die anderen sind ein Kommando jüdischer Amerikaner, die hinter der Front Nazis töten und skalpieren. Bornierten Hitlertreuen zertrümmern diese Kerle die Schädel mit dem Baseballschläger, und manchen schnitzt Anführer Aldo "Der Apache" Raine mit dem Bowie-Messer ein Hakenkreuz in die Stirn. Tarantino hat für die Brutalität, die alle seine Filme prägt, Opfer gefunden, mit denen niemand leiden wird - was die Freigabe bereits ab 16 statt ab 18 nicht nachvollziehbarer macht.

Die Amis verstehen Europa nicht, haben aber trotzdem die Nase vorn

Hitler, den Martin Wuttke als debilen Potentaten überzeichnet, darf da toben, und er darf beim tumben Film über den heldenhaften deutschen Scharfschützen bei jedem Todesschuss unkontrolliert lachen - eine hirnlose Bestie, der all das Menschliche fehlt, mit dem Oliver Hirschbiegel in "Der Untergang" kokettiert hat. Brad Pitt spielt Aldo Raine als verschmitzten Sunnyboy mit krudem Hillbilly-Akzent, der Europa nie verstehen wird und dank amerikanischer Cleverness trotzdem irgendwie durchkommt - die mangelhafte Orthografie im Titel "Inglourious Basterds" wird hier Programm. Für den Rest der Truppe bleibt wenig Zeit, Eli Roth schwingt blindwütig die Keule, Til Schweiger hält regungslos - womöglich ratlos - sein Gesicht in die Kamera, Diane Kruger bewegt sich als Filmdiva und Kollaborateurin Bridget von Hammersmark auf schmalem Grat zum Unfreiwilligen, und der Halbire Michael Fassbender darf eine minuziös inszenierte Schlüsselszene in einem Kellerbistro entscheiden, in der August Diehl als blitzgescheiter, brandgefährlicher Nazi glänzt.

In der Parallelität der Attentats-Vorbereitungen - hier die hübsche Französin, dort die rüden Amis - spiegelt sich die Parallelität der Einflüsse: Cineastische Ehrfurcht vor Chaplin ("Der große Diktator", 1940) und Lubitsch ("Sein oder Nichtsein", 1942) hier, eine Vorliebe für Action-Trash mit comichaften Aspekten dort. Nicht gelungen ist es Tarantino, seine großen Szenen in Fluss zu bringen. Er hat sie ausgereizt und vollgestopft mit Details (Apfelstrudel) und Anspielungen (Winnetou), aber nicht verbunden - und trotzdem extreme Überlänge produziert. Der besondere Reiz, dass alle Rollen mit Muttersprachlern besetzt und untertitelt sind, wird dem deutschen Publikum entgehen - der deutsche Verleih hat die englischen Passagen nachsynchronisiert.

Wenn Mélanie Laurent im roten Kleid einen Haufen Nitrofilmmaterial entflammt, lässt sich dies auf viele Arten lesen: Tarantino beweint den Untergang des analogen Kinos, Tarantino verabschiedet das Kino von gestern, Tarantino opfert seinen größten Schatz für die Menschheit - Hitler ist tot, endlich! Vielleicht war es aber auch nur eine dieser genialen Schnapsideen, von denen das Kino dieses Mannes lebt, seitdem er zwei Killer über europäische Maßeinheiten diskutieren ließ.
 

Bernd Haasis

20.08.2009 - aktualisiert: 25.08.2009 15:32 Uhr

 


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