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Wolfgang Dauner

Der Urschrei des Grenzgängers

Foto: Opus GmbH

Stuttgart - Der Stuttgarter Jazzstar Wolfgang Dauner hat im Auftrag des Deutschen Musikrats ein Werk für Sinfonieorchester und Big Band geschrieben. Geprobt wurde es mit jungen Musikern in Frankfurt an der Oder. Nächste Woche wird es in der Liederhalle aufgeführt.

Es ist ein heißer Augusttag. Mückenschwärme aus dem Sumpf des trägen Flusses haben es auf uns abgesehen. Wir gehen zu Fuß über die Brücke, Richtung Polen. Seit Jahren gibt es keine Grenzkontrolle mehr zwischen Frankfurt an der Oder und Slubice. Die Menschen hüben wie drüben - die Stadt wurde nach dem Zweiten Weltkriegs geteilt - hoffen in diesen Tagen auf den Bau der Straßenbahn. Die Polen könnten so schneller die Discount-Burgen der Deutschen erreichen, die Deutschen leichter den Billig-Basar der Polen.

Des Leben an der Oder ist nicht einfacher geworden seit der Wende. Ein Drittel der 90.000 Frankfurter hat sich in die alten Bundesländer verabschiedet. Ohne ihre Universität wäre die Stadt völlig überaltert. Viele junge Frauen haben Brandenburg verlassen. Die Prostitution auf der polnischen Seite hat Konjunktur.

Der Pianist und Komponist Wolfgang Dauner, 73, steht für ein Foto auf der Frankfurter Stadtbrücke. Er ist an die Oder gereist, um die Proben für eines der umfangreichsten Werke seines Lebens als Pendler zwischen E- und U-Musik zu besuchen. Der Deutsche Musikrat hat ihn mit einer Komposition für Sinfonieorchester und Big Band beauftragt. "Das Glück, eine solche Arbeit zu machen", sagt Dauner, "hat man höchstens alle fünfundzwanzig Jahre."

Wohl nirgendwo wie hier in der östlichsten Ecke Deutschland fände man eine symbolträchtigere Kulisse für die Arbeit des künstlerischen Grenzgängers und musikalischen Brückenbauers. Der Pianist, Bandleader, Filmkomponist, der Jazzstar Wolfgang Dauner bewegt sich zwischen zwei Welten - und geht wieder auf Klassikkurs. Das Bundesjugendorchester und die Bundesjazzband (die Jüngsten 13, die Altesten 25 Jahre) werden sein Stück spielen. Aus Kostengründen hat man die Musiker in Polen untergebracht, geübt wird auf der deutschen Seite. Subventionierte Musik ist keine Luxusware.

Am Pult steht der Dirigent und Pianist Dennis Russell Davies, 65. Der ehemalige Chef des Stuttgarter Kammerorchesters, gebürtiger Amerikaner, verkörpert seit Jahrzehnten das Konzept Crossover. Anders als die Deutschen akzeptieren Amerikaner nur die Grenze zwischen guter und schlechter Musik.

Heute, am Samstag, wird Dauners Werk mit den Arbeiten anderer Komponisten beim Festival "Young Europe Classic" im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt uraufgeführt. Am Mittwoch, 26. August, steht es, als Auftaktkonzert beim Musikfest der Internationalen Bachakademie, in der Stuttgarter Liederhalle auf dem Programm, ehe es als deutsches Vorspiel zur Fußball-WM 2010 auf Tournee durch fünf südafrikanische Städte geht.

In Frankfurt an der Oder hat an diesem heißen Tag die Arbeit begonnen. Vor dem Kulturzentrum Kleist-Forum (Heinrich von Kleist ist neben den Boxern Henry Maske und Alex Schulz der berühmteste Sohn der Stadt) stehen 120 Leihräder, die Dienstfahrzeuge der Musikanten. Früher Abend. Davies dirigiert Dauner. Das Stück heißt, zur Erinnerung an seine 1976 bei den Berliner Jazztagen uraufgeführte Oper "Der Urschrei", ,,Second Prelude to the Primal Scream" (Zweiter Auftakt für den Urschrei).

Nach einer Stunde, an der womöglich wichtigsten Stelle der Partitur, werfen sich die Musiker Blicke zu. Schmunzeln. Lachen. Die Heiterkeit ist ansteckend. Dauner hat seine Komposition als Divertimento angelegt, als vergnügliche, furiose Begegnung von Jazz und Klassik. Rhythmische Jazz-Passagen hat er mit Orchesterklängen verwoben, mitreißende Stimmungen geschaffen. Klassik swingt und groovt. Und weil der Mensch Dauner Humor liebt, fordert er schelmisch die hellen Stimmen der Instrumentalisten. Gut gedrillt vom Dirigenten skandieren sie Textzeilen aus dem "Urschrei":

Musik ist das Schönste / wir spielten erst für den Klerus / dann für die Fürsten / dann für das Bürgertum / dann für die Arbeiterklasse / jetzt für den Rechnungshof.

Nach der Probe bittet eine Geigerin den Komponisten um Aufklärung: "Herr Dauner, was ist ein Rechnungshof?"

Seine Befürchtung, die Zeit die Probenzeit könnte nicht reichen für die technischen Schwierigkeiten des Stücks, legt sich. "Junge Musiker sind technisch fast so gut wie Profis", sagt Davies. "Was ihnen fehlt, ist Erfahrung, Routine. Da muss viel Kopfarbeit geleistet werden."

Dauner hat den Auftrag für das 15 Minuten lange "Prelude" im Januar erhalten. Vier Monate hat er gearbeitet, oft Tag und Nacht, dankbar für die Möglichkeit, ein Werk für 120 Musiker zu schreiben, das auch aufgeführt wird. "Heute kann sich das schon wegen der Proben kaum noch jemand leisten."

Als sein eigentliches Metier, sagt er, betrachte er zwar nach wie vor "das Experiment, den Widerstand, die Improvisation". Aber die "strategische Dramaturgie, der größere Bogen" beim Komponieren seien für ihn mit zunehmendem Alter immer wichtiger geworden. "Ich wollte weg von den Zwölftakt-Formen des Jazz, hin zu sinfonischer Größe." Bis heute geht es ihm darum, die "unsinnige Einteilung" von Musik in U (wie Unterhaltung) und E (wie ernst) aufzuheben. Das gilt auch für das Tantiemen-System der Gema: "Ein Menuett von Mozart wäre nach diesen Maßstäben nicht E-, sondern Tanzmusik."

468 Takte hat Dauner in traditioneller Notation zu Papier gebracht. Den grafischen Partituren der Vergangenheit, im Jazz als Basis für musikalische Freiräume gedacht, traut er nicht mehr. Er hat Trompeter erwischt, wie sie sich heimlich simple Triolen notierten, um der Herausforderung der Grafik zu entkommen.

Dauner amüsiert sich, wenn er Anekdoten erzählt aus der Zeit des Free Jazz, aus den Tagen der wilden Happenings zwischen Sound und Action. "Kaum einer", sagt er, "hat in den sechziger Jahren wirklich Free Jazz hören wollen. Es ging uns vor allem um das optische Erlebnis." Der visuelle Reiz der Musik, sagt er, fasziniere ihn bis heute. Und was wäre eindrucksvoller als 120 Musikanten auf der Bühne.

Am Abend, als es dunkel wird an der Oder, greifen die Mücken in Orchesterstärke an. Wir sitzen vor einem italienischen Restaurant auf dem Frankfurter Marktplatz. Dauner erzählt von Tourneen mit dem United Rock & Jazz Ensemble durch die DDR. Die Qualität der Auftrittsorte war östlich, der Anspruch der Rock- und Jazzstars eher westlich. Einmal hat ein DDR-Veranstalter die ausufernde Catering-Liste der Band studiert und danach gefragt: "Macht ihr auch Musik?"

Im Gegensatz zu musikalischen Barrieren, fügt Dauner hinzu und grinst unter seinem Hut hervor, habe er politische Grenzen damals akzeptiert.
 

Joe Bauer

21.08.2009 - aktualisiert: 21.08.2009 18:47 Uhr

 



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