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Semsix

Suchmaschine aus Stuttgart

Die Semsix-Macher Martin Jakobus (links) und Ingo Schock.
Foto: Leif Piechowski

Stuttgart - Wer sucht, der findet's im Internet. Dort gibt es alles, auch Musik. Doch manchmal nervt die Suche gewaltig, wenn man statt beim professionellen Musikvideo beim verwackelten und kurzen Handymitschnitt eines Konzerts landet. Zwei Studenten aus Stuttgart haben jetzt eine professionelle Suchplattform entwickelt.

Das Erste, was in der Wohngemeinschaft von Martin Jakobus (23), Ingo Schock (28) und ihren zwei Mitbewohnern auffällt, ist eine Anrichte aus Metall und Glas, auf der sich in zwei Ebenen dicht an dicht Spirituosenflaschen drängen. Ein Blick auf die meist niedrigen Pegelstände lässt ahnen, dass in dieser WG so manche Schnapsidee geboren wird. Eine trägt den Namen Semsix.

Semsix, das klingt fast wie Semtex. Doch anders als der Plastiksprengstoff aus Tschechien entwickelt das Suchprogramm Semsix, das die Studenten Martin Jakobus und Ingo Schock programmiert haben, seine Brisanz nur virtuell. Still, aber gewaltig.

Keine drei Wochen nachdem die beiden Studenten des Fachs Medieninformatik an der Hochschule der Medien (HdM) ihre Semesterarbeit ins Netz gestellt haben, ist es endgültig vorbei mit der Ruhe in der Wohngemeinschaft in der Finkenstraße. Ständig klingelt das Telefon, selbst überregionale Zeitungen berichten. Vor wenigen Tagen drängte sogar ein Kamerateam des Nachrichtensenders N24 herein und machte sich im Zimmer von Jakobus zwischen Schreibtisch und Bett breit. "Mit so einem Interesse hätten wir nicht gerechnet", sagt er.

Dabei stand am Anfang nur die Idee, die ihm und seinem Studienkollegen das Hobby erleichtern sollte. Beide Studenten sind begeisterte Musikhörer und tauschen gern mit Kumpels Musiktipps aus. Je abgedrehter, umso besser. Doch irgendwann waren sie es leid, sich die Namen von irgendwelchen unbekannten Bands fehlerhaft buchstabieren zu lassen.

"Wer wusste am Anfang schon, wie sich zum Beispiel Evanescence schreibt?", fragt Jakobus, der aus Denzlingen bei Freiburg stammt. "Wir wollten ein Programm für den Hausgebrauch, mit dem man ganz einfach nach Liedern und Bands suchen kann", sagt Schock, der gelernte Schreiner aus der Nähe von Murrhardt.

Die Idee gewann rasch an Dynamik. Vom März 2009 an steckten die beiden jede freie Minute in die Programmierung. "Aus der Idee wurde ein schweres Stück Arbeit", sagt Jakobus. "Aber das Zusammenleben in der WG hat da vieles erleichtert." Frustphasen wurden so einfacher überbrückt, Erfolge feuchtfröhlich gefeiert und Lücken in die Spirituosen-Sammlung gerissen.

Doch es blieb nicht beim geistreichen Programmierspaß. "Aus der spontanen Idee entstand eine Semesterarbeit fürs Studium", sagt Schock. Und der Ehrgeiz wuchs. "Warum sollten wir uns damit nicht gleich noch 'ne gute Note abholen?", sagt Jakobus.

Bei der Suche nach einem eingängigen Namen für ihr Produkt taten sich beide schwer - bis schließlich Schocks Blick auf einen Ordner im Regal fiel. "Sem. 6" stand dort auf dem Rücken mit den Unterlagen fürs sechste Semester. Daraus wurde Semsix, der Name für das Produkt, das beide in diesem halben Jahr in Atem hielt.

Noch kennen die beiden Kommilitonen die Benotung ihrer Arbeit nicht, doch sie sind hoffnungsfroh. Zum einen hat der Betreuer bereits gratuliert. "Außerdem ist Fridtjof Toeniessen, unser Professor, inzwischen ein eifriger Nutzer der Suchmaschine", sagt Jakobus.

Innerhalb weniger Tage ist Semsix weit mehr als ein Insider-Tipp unter Freunden und Studienkollegen geworden. Zuletzt schnellte die tägliche Nutzerzahl auf einen Schlag von 3000 auf über 5000 hoch. "Plötzlich hatten wir nachts um ein Uhr sehr viele Nutzer", sagt Jakobus. Der Grund: "Auf einer Website in Brasilien stand ein Bericht über uns." Wahrscheinlich suchen die jungen Leute entlang der Copacabana jetzt das Girl from Ipanema mit Semsix. Problemlos.

Genau das ist die Absicht des Suchprogramms. Die Suche nach Alben und einzelnen Songs soll leicht und schnell sein. Dabei wühlt sich Semsix durch den Bestand der Videoportale You Tube, Vimeo und My Video. Parallel dazu fischt das Programm den Songtext aus zugänglichen Musikdatenbanken und errechnet aus den Klickzahlen der einzelnen Videos und deren Bewertungen eine Qualitätsrangliste. "Das beste Video des Songs steht in unserer Ergebnisliste ganz oben", sagt Schock. "Und all das gibt es bei uns kostenlos, ohne Anmeldung und ohne Werbung", sagt Jakobus.

Das Problem des illegalen Herunterladens von Songs stellt sich für die beiden Studenten nicht. "Auf einen Download-Knopf haben wir bewusst verzichtet", sagt Jakobus. Dabei wäre die Programmierung ein Kinderspiel gewesen. Stattdessen wird der Nutzer auf Wunsch direkt zum Webshop von Amazon weitergeleitet. "Wir wollen mit unserem Programm nicht die Musik-Piraterie unterstützen", sagt Schock. Nach seiner Meinung dürfe sich zwar jeder im Netz frei über Musik informieren und Videos anschauen. "Aber wenn ihm das Lied oder das Album wirklich gefällt und er es haben will, dann soll er es sich kaufen."

Bisher haben die beiden Studenten mit ihrem Programm "keinen Cent verdient", sagt Jakobus. Im Gegenteil. Falls die Nutzerzahlen weiter steigen, müssen sie bald einen teureren Server mieten. "Irgendwann müssen wir dann reagieren", meint Schock. Vielleicht mit einem Werbefenster. "Aber keines, das aufploppt und stört."

www.semsix.com
 

Klaus Eichmüller

27.08.2009 - aktualisiert: 27.08.2009 10:55 Uhr

 



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