Auf die Frage nach seinem vorherrschenden Lebensgefühl genügte dem Schauspieler Peter Ustinov (2004 gestorben) ein Wort: "Misstrauen", sagte eines der menschenfreundlichsten Exemplare, die jemals diesen Planeten bewohnt haben. Ustinov war da schon in die Jahre gekommen und hatte als Weltbürger Gelegenheiten genug, an seinem Bild von der Welt zu arbeiten. Die Schwaben kann er damit nicht gemeint haben. Zwar wurde der große Ustinov, der mit heiterer Gelassenheit einem unerfahrenen, aus Lampenfieber an der Grenze zum Verstummen vegetierenden Zeitungsvolontär während eines Interviews bei einem Essen im Hotel am Schlossgarten aus seiner Not befreite, in Schwäbisch Gmünd getauft. Aber kurz darauf war der kleine Ustinov ja schon wieder weg.
Misstrauen ist eine erlernte Einstellung hinsichtlich anderer Menschen. Sie wird uns nicht in die Wiege gelegt.
Spaziergängern aber, unter denen wir auch die Stadtwanderer willkommen heißen, schlägt seitens einiger Gartenbesitzer mit Obstbaumbestand, Beerenvorkommen und Gemüsebeet auf eigenem oder gepachtetem Grund & Boden ein saisonabhängiges Vertrauen entgegen. Man stelle sich vor: Das schwäbische Gartentürchen steht offen. Ein Brett als Tisch mit abgewogener Ware. Die Preise mit Filzstift oder Kuli auf ein Blatt Papier, einen Karton geschrieben. Das Geld bitte ins Körbchen. Die Kasse kann unter freiem Himmel auch eine Salatschüssel sein. Manchmal liegen Tüten da. Selbstbedienung mit Service.
Zum Beispiel Bohnen und Zwiebeln in Fellbach. Freilaufende Eier in Rohracker. Brombeeren, Zwetschgen, Walnüsse am blauen Weg. Äpfel im Feuerbacher Tal, Birnen in Heslach. Kürbisse auf Weilimdorfer Gemarkung. Trollingertrauben in Rotenberg. Gurkenzeit in Zuffenhausen, Zucchinischwemme in Rohr. Das Angebot kann er nicht ignorieren. Da muss er zugreifen. Das Vertrauen belohnen. Etwas mitnehmen, um sich (auch sich selbst gegenüber) dieses Vertrauens würdig zu erweisen. Das passende Kleingeld hat er dabei.
Das "Deutsche Wörterbuch" der Märchenbrüder Jacob und Wilhelm Grimm definiert es so: "Man traut einem Menschen, wenn man ihm nichts Böses zutraut. Man vertraut ihm, wenn man mit Sicherheit Gutes von ihm erwartet."
Die Spaziergänger bedanken sich herzlich für dieses Vertrauen. Für diese unbezahlbare Erfahrung.