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... warum wir Stuttgart lieben (28)

das Überraschende

Foto: Kraufmann

Magische Momente
 

Manche Menschen mögen keine Überraschungen. Ich dagegen schon. Und seit ich Stuttgart kennengelernt habe, sowieso. Knapp sechs Wochen ist es her, seit ich mich aus dem hohen Norden Hamburgs in die schwäbische Hauptstadt aufgemacht habe, "ins Ländle", wie das Nordlicht mit leicht ironischem Unterton sagt und vergeblich versucht, den südlichen Akzent zu treffen.

"Die Schwaben, die sind verschlossen", warnt man mich. Meine erste Stuttgarter Überraschung erlebe ich noch vor meiner Ankunft, als ich mit der Freundin meiner Vermieterin spreche. Sie soll mir den Schlüssel für meine Bleibe übergeben. "Treffen wir uns vor der Wohnung", schlage ich vor. "Besser direkt am Bahnhof, sonst müsstest du die Wohnung erst noch suchen", entscheidet die umsichtige Schwäbin. Verschlossen? Darunter hatte ich bis dahin etwas anderes verstanden.

Während ich schließlich von der netten Dame durch Stuttgart kutschiert werde ("Besser ich komme mit dem Auto, sonst müsstest du ja den Koffer schleppen"), kommt schon Überraschung Nummer zwei daher. "Da ist der Fischmarkt", sagt sie und zeigt auf den Karlsplatz. Hä?! Ich komm gerade aus Hamburg und bin perplex, habe ich doch nicht gewusst, dass die beiden Städte ein enges Verhältnis pflegen und der Fischmarkt genauso in den Süden wandert wie das Stuttgarter Weindorf in den Norden. Damit sammelt meine neue Heimat gleich noch mehr Sympathiepunkte.

Dass Stuttgart wegen seiner Topografie Ähnlichkeit mit San Francisco haben soll, ist mir neu. Als ich zum ersten Mal in der gelben Stadtbahn - die überraschenderweise Untergrund-Bahn heißt, obwohl sie fast nur übertage fährt - die Wand des "Kessels" vom Olgaeck Richtung Degerloch bergauf zockele, schenkt mir Stuttgart die schönste Überraschung: Noch müde hänge ich am Fenster, da eröffnet sich eine atemberaubende Aussicht über die ganze Stadt. Für einen kurzen Moment liegt sie vor mir, die Schwabenmetropole, darüber wölbt sich der wolkenverhangene Himmel wie ein grauseidiger Baldachin, rote Dächer leuchten im Kessel, eine Kirchturmspitze ragt stolz in die Höhe, die grünen Weinberge schmiegen sich an den Talrand - dann verschwindet Stuttgart hinter dichtem Grün. Fortan bin ich süchtig nach diesem Ausblick. Ich muss ihn haben, jeden Tag mindestens zweimal, auf Hin- und Rückfahrt. Peinlich genau achte ich darauf in der Bahn immer am Fenster auf der richtigen Seite zu sitzen. Wenn der magische Moment gekommen ist, klebe ich förmlich an der Scheibe und kann mich nicht sattsehen.

Und Stuttgart geizt weiterhin nicht mit Überraschungen. Etwa sollte der vielzitierte Beiname Neckarmetropole besser in Nesenbach-Metropole umgeändert werden, erfahre ich von einem schlauen Kollegen. Nesenbach heißt das Wässerchen, das unter der Stadt hindurchfließt. Die dickste Überraschung aber wartet am Schluss: Wie nach so kurzer Zeit soll ich einen Grund gefunden haben, Stuttgart zu lieben? Ich bin selbst überrascht, als ich darauf eine Antwort finde.
 

Lucia Weiss

31.08.2009 - aktualisiert: 31.08.2009 14:23 Uhr

 



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