Katrin Brandeis und die Klippeneckstraße auf dem Vorderen Raichberg in Gaisburg
Es ist so ein Sommertag, an dem das Leben in der Stadt vor Schweiß klebt. Unten dampft der Kessel unter einer Hitzeglocke. Kein Lüftchen regt sich. Und oben? Dort weht ein angenehmer Windhauch durch die Reihe der Reben, steigt nach oben, fächelt durchs Laub der Sträucher und zaust die dunkelbraunen Haare von Katrin Brandeis.
Die 39-Jährige sitzt im Schatten eines Sonnenschirms auf dem Balkon im Haus an der Klippeneckstraße und arbeitet. "Hier oben ist es immer drei, vier Grad kühler." Eines aber ist gleichbleibend - und unveränderlich toll: Wenn sie den Blick vom Bildschirm ihres Laptops hebt, sieht sie unten im Tal ein Breitwandpanorama, das von Gablenberg bis nach Gaisburg reicht.
Wie ist die freie Journalistin, die gerade ein eigenes PR-Büro aufbaut, zu dieser Wohnung in ruhiger und bevorzugter Höhenlage gekommen? "Wie alles Gute im Leben war es reiner Zufall", sagt Brandeis. Eigentlich wollte sie sich eine Mietwohnung unten im Tal anschauen. Weil ihr diese nicht zusagte, fuhr sie hoch auf den Hügel, der von vielen fälschlich als Plettenberg bezeichnet wird, korrekt aber Vorderer Raichberg heißt. Durch Zufall entdeckt sie an einem Haus an der Klippeneckstraße ein Schild im Fenster: Zu vermieten. "Ich habe mich noch am gleichen Tag entschieden", sagt Brandeis. Ein Jahr danach ist sie immer noch zufrieden. "Ich wohne sehr, sehr gern hier." Im Sommer müsse man nicht einmal wegfahren.
Warum die Wohnlage auf dem Hügel, eingerahmt von Weinbergen auf beiden Seiten, selbst von so manchem Alteingesessenen Plettenberg genannt wird, hat einen einfachen Grund. Als in den 30er Jahren mit der Wohnbebauung begonnen wurde, erinnerte die Höhenlage die Planer wohl an die Schwäbische Alb. In zwei weit geschwungenen Kurven führt die Drackensteinstraße hinauf, die Stichstraßen oben heißen Plettenberg- und die Klippeneckstraße.
Auf dem Klippeneck, dem Hochplateau zwischen Tuttlingen und Rottweil, liegt ein Segelflugplatz. Ähnlich wie die Segler fühlen sich wohl auch die meisten Bewohner in der Klippeneckstraße in Stuttgart: frei wie ein Vogel und hoch über den Dingen. Gleich in drei Richtungen bietet die nur in einer Richtung befahrbare Straße spektakuläre Ausblicke: nach Südost ins Neckartal, nach Nordost auf Cannstatt und den Wasen und nach Nordwest auf Gablenberg und Gaisburg. Der sanfte Wind aus dem Neckartal bringt in der Hitze angenehme Kühlung, nachts aber auch Lärm. Das Rauschen der Bundesstraße 10, das Humtata des Volksfests - hier oben kommt es fast ungefiltert an.
Das erste Wohnhaus auf dem Vorderen Raichberg ließ Otto Schwarz bauen, der als Bezirksleiter der Nazis damals im ganzen Stuttgarter Osten das Sagen hatte. Ein Haus hoch droben, wie ein Adlerhorst, wie eine Drohung und ständige Mahnung. So beeindruckend, dass ein französischer Kriegsgefangener, der im zentralen Lager an der Ulmer Straße untergebracht war, das Haus in Alleinlage in einer Pastellskizze festhielt. Ob dieser Gefangene seine Heimat wiedergesehen hat, ist unbekannt. Am 15. April 1943 kam es zur Katastrophe. Bei einem Luftangriff erstickten 400 Gefangene aus diesem Lager in einem Stollen.
Nach dem Krieg wurden bis in die 60er Jahre auf dem Vorderen Raichberg viele weitere Wohnhäuser errichtet. Zur Hangseite sind sie in der Regel mit großzügigen Gärten ausgestattet. Durchgangsverkehr gibt es hier nicht. Laut wird es nur selten, allenfalls wenn das Müllauto kommt und sich rückwärts durch die Plettenbergstraße bis zur engen Wendeplattform quält.
"Auf der Straße sieht man hier nur wenige Leute", sagt Katrin Brandeis. Die Berufstätigen brechen früh auf und kehren spät zurück. Den Älteren aber, den Bewohnern der ersten Stunde, wird die herausgehobene Wohnlage auf dem Weinberg inzwischen mehr und mehr zur Last. Denn es gibt hier oben keinen einzigen Laden, auch Busse verkehren hier nicht. "Viele Ältere müssen mit dem Taxi zum Einkaufen fahren", hat Katrin Brandeis beobachtet.
Den Jüngeren und den Rüstigen, die kein Auto haben und zur Stadtbahn wollen, bleibt nur die steile Treppe, die hinunter zur Steinbruchstraße führt, und natürlich von dort zurück. Wie viele Stufen sind es? "Mein Lebensgefährte hat sie gezählt, das war seine erste Amtshandlung hier", sagt Katrin Brandeis. "Er kam auf 270." Erschrecken kann sie das nicht wirklich. "Da spart man schon 40 Euro fürs Fitness-Studio." Und wie wäre es mit einem Fahrrad? Auf diese Frage folgt nur ein Lachen. "Runter ging es schon." Aber dann wieder rauf? Katrin Brandeis, die aus dem Münsterland stammt und den freien Blick bis zum flachen Horizont gewohnt ist, hat natürlich ein Fahrrad. "Aber das steht seit einem Jahr im Keller."
Doch abgeschnitten vom Leben fühlt sich Katrin Brandeis nicht. In 25 Minuten ist sie mit der Bahn in der Innenstadt, noch kürzer ist der Weg zur Freiluftgastronomie auf der Wangener Höhe. Ihre kurze Charakteristik der Klippeneckstraße und des Vorderen Raichbergs klingt denn auch fast euphorisch: "Es ist die ideale Mischung aus Rückzugsgebiet, Naherholungszone und Nähe zur Stadt."
Doch ein paar Wünsche bleiben. "Es wäre schön, wenn es einen kleinen Tante-Emma-Laden gäbe", sagt Katrin Brandeis. Am wichtigsten aber wäre für sie etwas anderes. Sie träumt von einem "Brötchenservice am Samstag und Sonntag". Mit Bestellmöglichkeit im Internet. "Hier oben ist keine Insel der Seligen", lautet deshalb ihr Fazit. Umgekehrt sei die Halbhöhenlage nicht so elitär wie anderswo. Die Mischung stimme. "Nett, bürgerlich, wohnlich." Und der Wind fächelt angenehm.