Drucken Versenden

Strafen für Motorradbastler

Wer röhren will, muss fühlen

Aktionsplakat des BUND im Rems-Murr-Kreis
Foto: StN

Stuttgart - Ein fetter Sound gehört für viele Motorradfahrer zum guten Ton. Deshalb wird gerne der Auspuff manipuliert. Mit höheren Bußgeldern will die Politik nun den Lärmpegel wieder etwas senken.

Stört Sie Motorradlärm?
 
 


Holger Siegel wohnt in Sulzbach (Rems-Murr-Kreis). Es ist schön da, wäre da nicht die Sulzbacher Steige. Im Sommer ist die Strecke bei Motorradfahrern beliebt. Dann ist es dort sehr laut. 80 Dezibel beträgt der offizielle Grenzwert für Motorräder. Sie dürfen also zehnmal lauter sein als Autos. Aber nach den Erfahrungen von Siegel sind die meisten Motorräder noch lauter. Er hat ein paarmal an der Sulzbacher Steige gemessen. Sein Ergebnis: "70 bis 80 Prozent der Motorräder waren sehr viel lauter, als sie eigentlich sein dürften."

Ein Grund dafür sind Basteleien am Auspuff. Mindestens die Hälfte der Motorräder seien manipuliert, sagt Siegel, der selbst Motorrad fährt. Dies behaupte der zuständige Fachmann im Umweltbundesamt.

Bis zum 1. März 2007 waren solche Manipulationen ein riskanter Spaß. Wegen erloschener Betriebserlaubnis kassierte die Polizei im Fall des Falles 50 Euro. Hinzu kamen drei Punkte in Flensburg. Dann aber trat die neue Fahrzeugzulassungsordnung in Kraft, und die bisherige Regelung kam unter die Räder. Nur noch 25 Euro kann die Polizei seitdem verlangen - eine frohe Kunde, die sich laut Siegel in Bikerkreisen schnell herumgesprochen hat.

Spätestens in der nächsten Motorradsaison 2010 soll aber wieder gelten: Wer röhren will, muss fühlen. Wie unsere Zeitung erfuhr, will das Bundesverkehrsministerium auf Bitten der Länderpolizeien die "Regelungslücke" schließen. 90 Euro und drei Punkte in Flensburg müssten demnach Biker bezahlen, die mit einem manipulierten Auspuff und damit ohne gültige Betriebserlaubnis erwischt werden. Für einen Halter, der das Fahren auf einer solchen Maschine zulässt oder sogar anordnet, sieht der Entwurf ein Bußgeld von 135 Euro vor.

Das baden-württembergische Ministerium für Inneres und Verkehr begrüßt das Vorhaben. Es hatte bereits im Mai auf Anfrage der SPD-Abgeordneten Rosa Grünstein angekündigt, dass die Regelungslücke "voraussichtlich noch im Sommer" geschlossen werde. So schnell geht es nun aber doch nicht. Laut dem Sprecher des Bundesverkehrsministeriums in Berlin wird es mit dem Inkrafttreten "dieses Jahr sicher nichts mehr". Schließlich müssten noch die Bundesländer und die Europäische Union angehört werden. Und dann sei da ja auch noch die Bundestagswahl Ende September.

Holger Siegel hat vor drei Jahren den Arbeitskreis Motorradlärm im Rems-Murr-Verband des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) gegründet. Seitdem beobachtet er das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Bikern und Polizei. Die Beamten zum Beispiel können Motorradfahrern auch ohne saftiges Bußgeld zusetzen, indem sie im Verdachtsfall die Maschine vom Tüv untersuchen lassen.

Sollte der Auspuff tatsächlich manipuliert sein, muss der Fahrer die Untersuchungskosten tragen. "Die Polizei ist relativ engagiert", sagt Siegel. Aber die Motorradfahrer hätten inzwischen auch jede Menge Tricks drauf. Im Zubehörhandel könne man inzwischen Auspuffklappen kaufen, "die man manuell quasi aufmachen kann", so Siegel. Bei einer Polizeikontrolle lege der Fahrer einfach den Schalter um, und die Maschine sei plötzlich leise. "Viele Harley-Fahrer machen das."

Andere Motorradfahrer, so Siegel, kauften röhrende Auspufftöpfe aus dem europäischen Ausland, die auf wundersame Weise die EU-Zulassung bekommen hätten. Nicht überall in Europa macht man nämlich wegen Lärm so viel Wind. Und die Polizei ist in solchen Fällen meist machtlos.

Lärm macht krank, sagt Siegel. Motorradlärm ganz besonders. "Wir haben mehr Tote durch Lärm als durch den Verkehr", sagt er. Und zwar meist durch Herzinfarkt. Aber das sei natürlich jeweils schwer nachzuweisen. Weiterkämpfen will Siegel trotzdem.
 

Rainer Wehaus

02.09.2009 - aktualisiert: 04.09.2009 15:15 Uhr

 


Lesermeinungen
04.09.2009 15:10
Autor: Die Redaktion

Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare - wir werden die Diskussion jetzt beenden.

 

04.09.2009 13:48
Autor: Kai-Uwe Bevc

Zitat Kerstin
"Ich habe hier von der Motorradfahrer-Fraktion noch nicht ein einziges sachliches Argument gehört."
Es ist auch schwer, unsachliche Polemik mit sachlicher Kritik zu beantworten, aber ich wills mal versuchen:
Die Anteil der lauten Fahrzeuge und manipulierten Fahrzeuge mag eine gewisse Größe haben, doch ist diese Größe nicht die relevante.
Ausschlaggebend ist der Anteil der lauten Fahrzeuge an der Gesamtfahrleistung, denn DAS gibt die Zeit wieder, innerhalb derer die Fahrzeuge stören.
Die Störer sind aber idR nur wenige km im Jahr unterwegs und definitiv keine Allwetterfahrer, treten also in der Gesamtfahrleistung sehr zurück.
Dazu kommen punktuelle Effekte, vornehmlich als "Rennstrecken" bekannte Sammelpunkte, die sich durch ein bestimmtes Angebot für die spezifische Klientel auszeichnet (gute, breit ausgebaute Straßen).
Meist entsteht dieses Angebot aber als Nebeneffekt durch den Ausbau von eigentlich untergeordneten Straßen für den Tourismusverkehr, der hauptsächlich durch PKW entsteht.
Wenn man dabei nicht gleichzeitig physikalisch tempobegrenzende Maßnahmen ergreift, lockt man Raser auf zwei wie auch vier Rädern gleichermaßen an.
Selbstgebaute Störung eben.
Motorradfahrer, die so nicht unterwegs sind, meiden die entsprechenden Gegenden sehr schnell und scheinen deswegen in der Unterzahl.

Störungen durch Motorräder treten auch nicht flächendeckend auf wie es zB Störungen durch Luft-, LKW-Verkehr oder anderen Berufsverkehr tun. Sie treten eng begrenzt an einigen wenigen Strecken auf.

All das belegt, dass das Problem ein zahlenmässig geringes, wenngleich für die Betroffenen nicht weniger störendes ist.
Jedenfalls zeigt es, dass es völlig am Problem vorbeigeht, eine gesamte Gruppe von Verkehrsteilnehmern zu diffamieren, wie es der BUND hier tut (auch wenn er anderes behauptet).

Kontrollen und eine Entschleunigung der betroffenen Strecken wären wesentlich effektiver.
So zB. Bremsschwellen vor Kurven (Sportmotorräder sind sehr hart gefedert)

Ebenfalls positive belegte Argumente für Motorräder sind im übrigen:
- geringerer Flächenverbrauch (ca. 2m² gegen etwa 10m²/Fahrzeug)
- quasi nicht messbare Schädigung der Strassenbeläge
- geringerer Gesamtressourcenverbrauch
(geringes Gewicht, wenig nicht recyclingfähige Materialien)

Kurz: keiner muss Motorrad fahren, aber jeder darf es, wenn er es kann und will.
Polemische Aktionen können und dürfen daran nichts ändern.

 

04.09.2009 09:26
Autor: ku

Hübsch, wie hier die Emotionen hochkochen, nur weil ein Privatmann meint, einen absurden Kleinkrieg führen zu müssen. Seit wann dürfen Privatleute denn Lärmmessungen durchführen und sich einbilden, daraus abstruse Forderungen ableiten zu können? Ich fahre selber Motorrad - und ja, der Auspuff ist legal. Das Ganze klingt für mich aber doch sehr nach Sommerloch-Thema.

 

Weitere Meinungen lesen



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise