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Erdwärme weniger gefragt

Das Nachbeben von Staufen

Ein Riss geht entlang der Hauswand eines Cafés in Staufen im Breisgau
Foto: dpa

Stuttgart - Erst die mittlere Katastrophe von Basel, dann die große Katastrophe von Staufen, dazwischen immer wieder kleinere Zwischenfälle - die Geothermie hat sich mit ihrer unwägbaren Bohrtechnik selbst ins Abseits befördert. Der Anlagenbau ist nach den jüngsten Vorkommnissen drastisch eingebrochen.

Basel, so schien es zunächst, sei ein Einzelfall. Zur Erinnerung: Im Dezember 2006 bebt die Erde mit einer Stärke von 3,4. Schuld daran waren, wie sich später herausstellen wird, Bohrungen für eine geothermische Großanlage. Die Schäden in der Schweiz und dem angrenzenden Südschwarzwald waren nicht dramatisch, und die Arbeiten wurden auch prompt eingestellt. Dennoch blieb ein Gefühl des Unbehagens ob der angeblich so sicheren und sauberen Erdwärmetechnik.

Was folgten, waren weitere kleinere Pannen. Unter anderem in Schorndorf, Freiburg und bei Ravensburg kam es beim Einbau von Erdwärmesonden zu Gebäudeschäden, weil Bohrungen das Erdreich zu stark erschüttert oder das Grundwasser zu stark abgesenkt hatten. Den Super-Gau aber erlitt Staufen. Dort hebt sich seit zwei Jahren der Boden, was zahlreiche Gebäude bersten lässt. Ihnen droht der Einsturz, der Stadt im Breisgau die Zahlungsunfähigkeit.

Das alles hat nicht dazu beigetragen, der Erdwärmetechnik einen Schub zu verleihen. Im Gegenteil: Der Anlagenbau im Bereich der oberflächennahen Geothermie (zum Heizen und Kühlen einzelner Gebäude) ist drastisch eingebrochen. Wurden von 2006 bis 2008 jeweils zwischen 3000 und 3400 Bohrungen unternommen, waren es bis Ende Juli 2009 in ganz Baden-Württemberg nur noch 624. Und es ist nicht davon auszugehen, dass sich der Abwärtstrend im Laufe dieses Jahres noch umkehrt.

Der Vertrauensverlust ist ein entscheidender Grund, aber nicht der einzige. Die Wirtschaftskrise und das knapper werdende Haushaltsgeld spielen ebenfalls eine Rolle, genauso die inzwischen ausgelaufenen Förderprogramme. Vor allem aber: Nach Staufen hat das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau für weite Teile des Landes einen Quasi-Bohrstopp erlassen. In Gegenden mit Anhydrit - das in Verbindung mit Wasser zu Gips aufquellende Mineral, das die Hebungen in Staufen verursacht hat - darf gar nicht mehr oder zumindest nicht mehr so tief gebohrt werden.

Beim Vorzeigeprojekt geht man lieber auf Nummer sicher

"Unsere Firmen verspüren vielerorts noch Nachfrage - leider vergeblich", klagt die Sprecherin der Landesvereinigung der Bauwirtschaft in Baden-Württemberg. Die Zahl der entgangenen Aufträge kann sie nicht beziffern, doch es seien "einige".

Die Baubranche fordert - genauso wie der Bundesverband Geothermie - eine Lockerung des Bohrstopps. Wenn ein Flugzeug abstürzt, werde deshalb auch nicht die gesamte Luftfahrt in Frage gestellt, so ihre Argumentation. Die große Mehrzahl der über 15.000 durchgeführten Bohrungen in Baden-Württemberg - davon 3000 durch Anhydrit wie in Staufen - sei problemlos verlaufen. Man dürfe "jetzt nicht die ganze Branche lahmlegen". Leider würden gerade die unteren Genehmigungsbehörden im Zweifel immer auf Nummer sicher gehen und einen Antrag ablehnen.

Das Land denkt aber nicht darüber nach, seine verschärfte Genehmigungspraxis wieder zu lockern. Zumindest nicht, solange die Erkundungsbohrung von Staufen noch keine genauen Erkenntnisse über die Ursache zutage gefördert hat. Die Bohrung ist abgeschlossen, die Ergebnisse werden gerade ausgewertet.

Eine Prognose zu den Zukunftsaussichten der einst so gepriesenen Öko-Energie vermag derzeit niemand abzugeben. Sicher ist nur, dass die Technik weit zurückgeworfen wurde. Und auch bei der Tiefen-Geothermie ist Ernüchterung eingekehrt. Eines der größten Projekte des Landes in Bad Urach stagniert weiter vor sich hin. Im Herbst soll eine neuerliche Machbarkeitsstudie abgeschlossen sein. Und auch das internationale Vorzeigeprojekt im französischen Soultz-sous-Forêts bleibt hinter den Erwartungen zurück. Das Kraftwerk mit Energie aus mehreren Tausend Metern Tiefe erzeugt weniger Leistung als geplant. Das Gebirge, durch das Wasser zum Erhitzen gepumpt wird, erwies sich als nicht ausreichend durchlässig. Auf eine weitere Stimulation des Untergrunds wurde vorsorglich verzichtet: Es bestand die Sorge, zu starke Erschütterungen auszulösen.
 

Gregor Preiss

03.09.2009 - aktualisiert: 03.09.2009 10:14 Uhr

 



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