Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 03.09.2009
Taking Woodstock
Geplant war ein Streichquartett
Ein Streichquartett möchte er engagieren mit seiner Genehmigung für ein Sommerkonzert - und dann hat er ein mehrtägiges Rock-Festival mit einer halben Million Hippies am Hals, das unter dem Titel "Woodstock" Geschichte machen wird. Elliot Tiber ist das passiert, seine Memoiren hat Ang Lee ("Tiger & Dragon") nun verfilmt, und er kommt dem Geist von Woodstock sehr nahe - weil er die Menschen in den Vordergrund rückt.
Tiber heißt im Film Teichberg und ist der Sohn jüdischer Einwanderer aus Russland, die im Kaff Bethel in den Catskills Mountains im US-Bundesstaat New York ein heruntergekommenes Motel betreiben. Imelda Staunton ("Vera Drake") ist grandios als geiziger Drachen mit Stützstrümpfen und Kittelschürze, den das Festival läutern wird, und Henry Goodman als Vater überzeugt als gebeugter Greis, der dank der positiven Energie ins Leben zurückfindet.
Sohn Elliot, zurückgekehrt aus New York City, um die Eltern vor dem Ruin zu retten, engagiert sich in der Gemeinde, die bald geschlossen gegen ihn stehen wird, und Demetri Martin gelingt der Spagat, einen völlig überforderten jungen Mann zu spielen, der trotzdem standhaft bleibt. Er ist das Gegenteil des Musikproduzenten und Festival-Initiators Michael Lang, dem Jonathan Groff die kühle Aura eines Mannes ohne Selbstzweifel verleiht. Und Emile Hirsch ("Into The Wild") gibt den Prototyp des traumatisierten Vietnam-Heimkehrers, der sich in der Realität nicht mehr zurechtfindet und jede weitere Erklärung zum politischen Hintergrund überflüssig macht.
Minuziös zeichnet Ang Lee die Zuspitzung nach und setzt dabei mitunter Split-Screen-Technik ein: das erste Telefonat, die Einigung mit dem Farmer Max Yasgur, der sein Land zur Verfügung stellt, wie das Organisationsteam eintrifft, wie die ersten Hippies eintröpfeln, wie die Einheimischen protestieren, wie schließlich Freaks aller Art das vorher menschenleere Kaff bevölkern, wie die Musik beginnt - und bald ist man als Zuschauer ebenso überwältigt wie Elliot, obwohl man wie dieser nicht ein einziges Konzert zu sehen bekommen wird; eine geniale Entscheidung, denn so bekommen die prominenten Musiker nicht wie sonst üblich die Gelegenheit, vom friedlichen menschlichen Miteinander mitten im totalen Chaos abzulenken.
Elliot streift übers Gelände, erlebt mit einem Paar im VW-Bus seinen ersten Trip, dem Lee farbenprächtige Illusionen verleiht, und nach dem Regen geht er auf die Schlamm-Rutschbahn. Die Musik untermalt im Hintergrund thematisch, mal wehen Bruchstücke von "Wooden Ships" vorüber, mal läuft Arlo Guthries "Coming Into Los Angeles", und wenn die Vietnam-Veteranen zusammenstehen, fragt Country Joe McDonald: "What are we fighting for?"
Am Tag danach der Kater. Verbindlichkeiten haben sich angehäuft wie der Müll auf dem Gelände, doch Lang plant schon den nächsten Schritt: Altamont mit den Rolling Stones. Dort aber werden Hells Angels als Ordner einen Besucher erstechen, wird die Hippie-Ära ein jähes Ende finden.
Die Bilder aus Michael Wadleighs Woodstock-Dokumentation gehören zum weltkulturellen Allgemeingut; Ang Lee unterfüttert sie mit der Ahnung, wie großartig es sich anfühlen muss, wenn jeder nicht nur sich selbst der Nächste ist.
Bernd Haasis
03.09.2009 - aktualisiert: 03.09.2009 11:04 Uhr