Vor einer Woche hatte ich ein nettes Gespräch mit einem Historiker aus Degerloch. Es ging um seinen Verein, der eine Pilgerherberge auf dem Jakobsweg betreibt. Ein sehr aufgeschlossener Mann, sympathisch, wir verstanden uns gut. Dachte ich. Zum Schluss dann aber kam die entscheidende Frage: "Sagen Sie mal, wo kommen Sie eigentlich her?" Noch bevor ich antworten konnte, hatte er sein Urteil schon gefällt. "Ich würde sagen: In jedem Fall von nördlich des Mains."
Da wusste ich: Stuttgarter kann man nicht werden. Als Stuttgarter wird man geboren. Das ist eine Heimatverbundenheit, die ich auch von zu Hause kenne, aus meinem Dorf in Hessen. Es liegt - wie könnte es anders sein - nördlich des Mains. Dort natürlich in einem etwas kleineren Maßstab. Als Fremder gilt man da schon, wenn man im Ort auf der anderen Seite "der Bach" geboren wurde. Dennoch ist es dasselbe Gefühl, und ich bewundere es. Trotz des Schmerzes, wohl nie dazugehören zu können.
Der Stuttgarter kennt sich und seine Stadt. Er weiß, wie der Stuttgarter spricht, wie er lebt, was ihn bewegt. Vor allem weiß er, worüber der Stuttgarter lacht. Bewundernswert. Der Frankfurter lässt sich oft von der Größe seiner Hochhäuser blenden und glaubt sich in Gemeinschaft mit New York, London, Tokio. Der Hamburger sieht seine Stadt sowieso als "Tor zur Welt" und sich selbst als den welterfahrenen Mittler zwischen den Handlungsreisenden verschiedener Kontinente. Und von Berlin kann wahrscheinlich nicht einmal ein echter Berliner noch behaupten, es wirklich zu kennen.
Stuttgart aber ist ein Dorf geblieben. Obwohl es Hügel hat wie San Francisco, sein Fußballverein in der Champions League spielt und viele seiner Bewohner zu großem Wohlstand gelangt sind. Freilich: Von außen betrachtet kann man das auch schnell als Eitelkeit und Selbstbezogenheit missdeuten. Einen guten Freund aus Baden will ich hier gar nicht zitieren. Wenn man aber hier lebt, sieht man, dass sich der Stuttgarter seine Stadt bewahrt hat. Und darum liebe ich Stuttgart.