Drucken Versenden

Fantasy-Filmfest

Wettbewerb der Horror-Killer

Abgründe tun sich auf in "Deliver Us From Evil"
Foto: Verleih

Stuttgart - Das Publikum beim Fantasy-Filmfest war sich einig: Wie kein anderer versteht es der Däne Ole Bornedal, Geschichten über die Abgründe der menschlichen Seele so famos in Bilder und Töne umzusetzen, dass einem förmlich der Atem stockt. „Deliver Us from Evil“ heißt der Film, der am Samstag im vollen Metropol-Kino für Gänsehaut sorgte – einer der Höhepunkte der diesjährigen Genre-, Grusel- und Suspense-Schau.

Um den Fernfahrer Lars geht es da, ein richtiges Schwein, nicht nur wegen seines ungepflegten Äußeren: Er schlägt seine schwangere Freundin, prügelt deren Liebhaber krankenhausreif und legt sich auch sonst mit jedem an. Als er mit seinem schweren Truck aus Unachtsamkeit die alte Anna mitsamt ihrem Moped totfährt, gerät er in Panik. Geschickt schiebt er den Unfall dem einzigen im Dorf lebenden Ausländer in die Schuhe. Damit jedoch setzt er ein Räderwerk in Gang, das er nicht mehr aufhalten kann: Anarchie und Lynchjustiz überschatten plötzlich jenes kleine, beschauliche Dorf in Dänemark, in dem der Film spielt. Vollkommen unverständlich bleibt, warum sich für dieses Meisterwerk bislang noch kein deutscher Filmverleih gefunden hat.

Ganz anders, aber nicht minder beeindruckend, ist der Debütfilm des Niederländers Arno Dierickx. Er schildert in "Blood Brothers" einen authentischen Mordfall aus dem Jahre 1960, bei dem die Täter und das Opfer noch minderjährig waren. Unspektakulär, dafür aber psychologisch hervorragend aufbereitet und stimmig in Ausstattung und Besetzung, erinnert der Film an die Frühwerke Claude Chabrols.

Zu den Überraschungen des diesjährigen Fantasy-Filmfests gehört der englische Actionfilm "The Tournament", der sich am Sonntag unerwartet in die Herzen des Publikums schoss: Gespickt mit reichlich schwarzem Humor hat Regisseur Scott Mann einen Wettkampf zwischen den weltbesten Killern inszeniert, in den ein ahnungsloser Priester gerät. Die schwindelerregendsten Bilder des Festivals kamen aus Frankreich: In "Vertige" wird eine Klettertour in allerbester "Descent"-Manier zu einer extrem blutigen Angelegenheit. Vielbeachtet auch Denis Villeneuves "Polytechnique", der auf ergreifende Weise und in beklemmendem Schwarz-Weiß den Amoklauf an einer kanadischen Hochschule aufarbeitet.

Wenn sich das Fantasy-Filmfest mit der Agentenfilmpersiflage "OSS 117 - Lost in Rio" verabschiedet, dann dürfen sich die Veranstalter einmal mehr auf die Schulter klopfen: Wieder ist es ihnen gelungen, einen ansprechenden Mix aus aktuellen Genreproduktionen aller Facetten zu präsentieren. Viele der gezeigten Filme werden vermutlich nicht den Weg in deutsche Lichtspielhäuser finden, sondern direkt auf Silberscheiben vermarktet - ein wichtiger Grund, wieso so viele Stuttgarter die einmalige Gelegenheit nutzen, die Werke beim Festival auf der großen Leinwand zu erleben.

Umso wünschenswerter wäre eine akzeptable Projektion bei allen Filmen - einige nämlich wurden von DVD oder Bluray abgespielt, und diese für den Heimkinomarkt konzipierten Medien bereiten bei der Vorführung im Profibereich immer wieder Bild- und Tonprobleme; den künstlerischen Ambitionen der Filmemacher werden sie fast nie gerecht.
 

Wolfram Hannemann

08.09.2009 - aktualisiert: 09.09.2009 14:23 Uhr

 



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise