Artikel aus der Filder Zeitung vom 09.09.2009
Filder. Von der Heimat in die Ferne: In einer Serie berichten wir vonden Erlebnissen einiger Auswanderer. Von Marion Martin
Die gemeinnützige Nichtregierungsorganisation (NGO) kümmert sich um etwa 4000 Kinder, die Opfer von Aids oder Gewalt wurden oder aber verwaist sind. "Die meisten haben Vater oder Mutter verloren. Da 80 Prozent der einheimischen Bevölkerung arbeitslos sind, kann ein Elternteil allein die Kinder oft nicht ernähren", erklärt Garziella. Etwa 70 Kinder leben in dem Kinderheim auf "God"s Golden Acre". 15 Freiwillige, zum Großteil aus Deutschland, aber auch aus anderen europäischen Ländern, helfen bei der Hausaufgabenbetreuung, dem Verteilen von Lebensmittelpaketen an die umliegenden Dörfer und in der Verwaltung. Zwei- bis dreimal die Woche wird auch ausgiebig Fußball gespielt.
Marcel Garziella war vornehmlich als Fahrer für Krankentransporte im Einsatz, zum einen bei akuten Verletzungen, aber auch für Routine-Untersuchungen im Krankenhaus. Meist geht es bei Letzteren um Aids. "Wir gehen davon aus, dass mehr als 30 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv ist, in einem Gebiet sogar 80 Prozent. Darunter auch viele Kinder", erklärt der FSJ-ler.
Wie viele Europäer war Garziella davon ausgegangen, dem AIDS-Problem sei mit Informationsveranstaltungen entgegenzuwirken. Doch die meisten interessieren sich nicht dafür. "Die Zulus leben von der Hand in den Mund und denken nicht viel an die Zukunft. Vor der Ehe haben junge Männer fünf bis sechs verschiedene Freundinnen. Dazu kommt, dass die wenigsten direkt an AIDS sterben, sondern beispielsweise an Tuberkulose, da sich das geschwächte Immunsystem nicht mehr gegen diese Krankheiten wehren kann." Das erschwert die Aufklärungsarbeit der Hilfsorganisationen erheblich. Außerdem zögen sich viele Sponsoren von Hilfsprojekten aus Afrika zurück. "Aber der Job ist noch lange nicht getan. In den vergangenen beiden Jahren hat sich die Zahl der HIV-Infizierten fast verdoppelt. Da kommt einiges auf den Staat zu", befürchtet Garziella.
Dennoch ist Marcel Garziella fasziniert von der Lebensweise der Zulu. "Sie führen ein sehr einfaches Leben, empfangen Fremde aber sehr herzlich und selbstverständlich", erzählt er von seinen Begegnungen in den Dörfern. "Bei uns ist das meiste auf materiellen Wert ausgelegt. Die Zulus haben einen ganz anderen Reichtum: Familie, Tanzen und Musik." Besonders hat den freiwilligen Helfer der Gesang einer Sechsjährigen während eines Gottesdienstes beeindruckt. "Ihre Stimme hatte eine Power wie ich sie noch nie erlebt habe - das hat mich einfach umgehauen."
Dass die meisten Weißen in Südafrika noch nie in einem der Dörfer waren, macht ihn traurig und wütend. "Oft haben sie vier bis fünf Meter hohe Mauern um ihre Viertel und sperren sich so im eigenen Land ein", sagt Marcel Garziella Kopfschüttelnd über die Angst der weißen Bevölkerung, die seiner Meinung nach auch einiges von den Zulus lernen kann - beispielsweise das Sicherheitsdenken für einen Tag beiseite zu legen und einfach zu genießen. "Hilfsprojekte wie "God"s Golden Acre" sind ein Nehmen und Geben für beide Seiten und es ist ein arroganter Gedanke, dorthin zu gehen und nur zu helfen. Die Menschen leben in einer völlig anderen Welt, die genauso lebenswert ist wie unser Leben in Europa", resümiert Garziella seinen Aufenthalt. Seit ein paar Tagen ist er zurück in der Heimat und genießt erstmal ein paar Tage Urlaub mit seiner Familie. "Sie ist der Hauptgrund, warum ich gern wieder nach Hause komme."
09.09.2009 - aktualisiert: 09.09.2009 06:01 Uhr
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