Drucken Versenden

Meine Straße: Libanonstraße

Blühende Ideen und Malvengewächse

Foto: Eppler

Rolf Hofmann und die Libanonstraße auf der Gänsheide und in Gablenberg
 

Es ist kein Löwenzahn, doch mit ähnlicher Kraft hat sich die Malve ihr Plätzchen in der Asphaltwüste der Libanonstraße erkämpft. Bis zu einem Meter hoch wird das pinkfarben blühende Gewächs im Sommer, und Rolf Hofmann (66), vor dessen in den 70er Jahren erworbenen Haus es steht, beobachtet gern, wie viel Freude vor allem ältere Damen an der Blütenpracht haben.

Älter, ja weit über dem Renteneintrittsalter ist auch die Dame, die im Haus nebenan seit Jahrzehnten ihren Waschsalon betreibt. In ihrem kleinen Ladengeschäft stehen mehrere Kolosse von Waschmaschinen, die längst reif für das Museum zu sein scheinen. "Die Besitzerin betont immer, dass sie noch so lange durchhalten müsse wie die Maschinen", sagt Hofmann. Und an Kunden mangele es auch nicht, seit Jahrzehnten schon hielten ihr die Anwohner die Treue. "Vor dem Geschäft trifft man die ganze Nachbarschaft - hier kennt man sich noch." Hofmann winkt der alten Dame durch die Scheibe zu, die fast aus ihren Scharnieren zu fallen droht. Und zeigt auf eine Pflanze, die recht unscheinbar hinter dem Glas ihr Dasein frisst. "Das ist eine nur selten blühende Kakteenart", sagt er. Einmal im Jahr fände sich im Schaufenster denn auch ein Zettel: "Morgen blüht die Königin der Nacht".

Rolf Hofmann erinnert ein wenig an die Malve vor seinem Haus. Wie diese scheint er mit dem Kopf, in dem die Ideen nur so sprießen und blühen, betonierte Gegebenheiten und bornierte Haltungen durchbrechen zu wollen. Er selbst nennt seine Ideen "ketzerisch", doch sind sie durchaus ernst gemeint, geht es ihm doch um dem Wohnwert in seiner Straße, seinem Viertel, ja seiner Stadt.

Das fängt damit an, dass der Diplomingenieur es nicht verstehen und schon gar nicht gutheißen kann, wenn jedes freie Fleckchen an der Libanonstraße bebaut wird. Frei müsse das Fleckchen dafür aber gar nicht sein: Vor einigen Jahren wurde ein großer Baum auf einem Grundstück nahe der Lindenapotheke gefällt, damit dort ein großes Bauprojekt realisiert werden konnte.

Als er sich beschwerte, habe es nur geheißen, dass privates Interesse über öffentlichem Interesse stehe. "So sieht die Stadt allmählich auch aus", sagt er, und eine steile Falte bildet sich auf seiner Stirn. Hofmann deutet auf den Neubau mit Eigentumswohnungen, der mittlerweile anstelle des Baums an der Libanonstraße steht. "Und dann passt sich das Gebäude noch nicht mal in das Straßenbild ein", sagt er. Denn die Firste aller Häuser an der Libanonstraße, die sich von der Heidehofstraße den Hang hinab bis zur Bergstraße zieht, gleichen sich von der Höhe her dem natürlichen Absenken der Straße an. "Der Straße sieht man an, dass sie natürlich gewachsen ist", sagt Hofmann, "aber der Neubau fällt da raus, der ist höher", sagt Hofmann.

Nun soll ein neuer Baum her. An den Lindenplatz soll sinnigerweise eine Linde gepflanzt werden. "Das ist ja eine schöne Idee", sagt Hofmann, "aber man sollte eher inhaltlich dafür sorgen, dass der Platz überhaupt zum Platz wird." Denn bisher kreuzt an dieser Stelle schlicht die Gablenberger Hauptstraße die Libanonstraße. "Man könnte die Einfahrt zum unteren Teil der Libanonstraße pflastern, um zu signalisieren, dass hier Fußgänger unterwegs sind", schlägt er vor.

Am liebsten wäre ihm sowieso, wenn die gesamte Libanonstraße zur verkehrsberuhigten Zone umgestaltet würde. Das täte der gesamten Gegend gut, die vom Verkehr doch sehr belastet sei. Dann schüttelt er sein Haupt, wie zum Zeichen, dass er weiß, dass er seinen Kopf mit dieser blühenden Idee wohl nicht durchsetzen können wird.

Blumen indes gibt es an der Libanonstraße mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Diese finden sich allerdings hinter den Häusern: Die Gärtnerei Krämer, die an der Gablenberger Hauptstraße ihr Ladengeschäft betreibt, hat hier große Pflanzungen - ein Meer an Blumen, Bäumen und Gemüse. Fast gemahnt dies an die Libanonstraße zur Zeit ihrer Entstehung im Jahr 1913 - damals waren viele Obst- und Weingärtner hier ansässig.

Ihren Namen hat die Straße von der 1875 erbauten "Villa Libanon", die Oscar Fraas, Professor und Direktor des Königlichen Naturalienkabinetts, an der Gerokstraße erbaute. Der Eigentümer gab der Villa den Namen zur Erinnerung an eine Forschungsreise, die er gerade hinter sich hatte. 1938 bis 1945 hieß die Straße nach dem österreichischen Politiker Ritter-von-Schönerer-Straße; er war einer der Führer der deutschnationalen Bewegung, die den jungen Hitler stark beeinflusste.

Rolf Hofmanns Blick ist an dem Blumenmeer hängen geblieben. "Solche Oasen muss man bewahren", sagt er. Doch seine Stimme hat an Hitzigkeit verloren. Sein Kampfesgeist weicht dem bloßen Btrachten seiner Straße, die er durchaus liebt.

Er bewundert die "romantische Ecklösung" an einem alten Sandsteinhaus, sieht wohlwollend zu, wie in einem Hinterhof der Kinderspielplatz saniert wird, versucht in ein Ladengeschäft zu linsen, das zur Wohnung umfunktioniert wurde und dessen Fensterfront mit einer Folie beklebt ist, die am Rein-, nicht aber am Rausschauen hindert. Er sieht den Wandel der Zeit, die neuen Geschäfte, die die alten ablösen - und die er zum Teil wunderbar findet, etwa die Schneiderei "Das kleine Schwarze". Gegen den natürlichen Lauf der Dinge hat er nichts. Auch ein Baum blüht, grünt und verliert seine Blätter. "Ein Anwohner war froh, als der Baum gefällt wurde, weil er dann die Blätter nicht mehr wegfegen musste", sagt Hofmann. Doch was man zerstört, das blüht auch nimmer mehr.
 

Andrea Jenewein

09.09.2009 - aktualisiert: 09.12.2009 15:54 Uhr

 



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise