... warum wir Stuttgart lieben (30)
das Heimkommen
Als Schülerin sah ich oft voller Fernweh aus dem Fenster. Kaum hatte ich das Abitur in der Tasche, musste ich Stuttgart den Rücken kehren. Zu strukturiert, zu aufgeräumt, zu langweilig war mir die Stadt. Ich ging für einige Monate nach Paraguay. "Mein Land ist sehr schön", sagte der Verwalter eines Pferdehofs, auf dem ich mich um das Training junger Tiere kümmern sollte. Einzig die südamerikanische Justiz hinke der Deutschen hinterher. Ah, dachte ich. Hier ist es unstrukturiert, unaufgeräumt und alles andere als langweilig.
Dann sagte der Verwalter: "Na ja, also unser Nachbar hat schon einmal jemanden umgebracht." Ob ich Angst hätte? "Äh, nein", sagte ich und suchte nach einem Wetzstein für meine Machete, die ich später unter mein Bett legen würde. "Für den Fall, dass ich nachts Lust auf ein Butterbrot bekomme", sagte ich. Der Mann schwieg und ging. Ich beschloss, mir keine Sorgen zu machen, sondern die Freiheit zu genießen, auf die ich mich die ganze Zeit gefreut habe, als ich meinte, in Stuttgart eingekesselt zu sein. Es funktionierte nicht ganz.
Und während des Anflugs auf den Stuttgarter Flughafen habe ich zum ersten Mal ein Kribbeln gespürt - im Bauch, auf den Armen und im Nacken. Und da war mir klar: So fühlt sich Heimkommen an. Seit meiner ersten großen Reise also bin ich süchtig danach, Stuttgart immer wieder zu verlassen. Offiziell sage ich nach wie vor: Mir ist es oft zu strukturiert, zu langweilig und zu aufgeräumt in der Landeshauptstadt. Doch der eigentliche Grund ist: Ich fahre weg, um wieder heimzukommen. Manchmal enden meine Reisen am Bahnhof. Dann halte ich meine Nase in die nach Stuttgart riechende Luft am Hauptbahnhof und laufe müde, aber glücklich und mit klopfendem Herzen durch die hetzende Menschenmasse. Oder ich lande am Flughafen, setze mich in die S-Bahn und klinke mich wieder ein in den Fluss dieser Stadt. Sie tut niemals so, als ob sie einen vermisst hätte. Stuttgart lebt einfach weiter. Und gerade weil mich keiner zwingt, will ich immer wieder dazugehören.
Anne Guhlich
14.09.2009 - aktualisiert: 14.09.2009 14:39 Uhr