Stuttgart - Zehn Prozent will die Stadt Stuttgart bei allen Kultureinrichtungen sparen, die mehr als 400 000 Euro im Jahr Förderung erhalten. Damit sind genau jene Gelder in Gefahr, die etwa im Württembergischen Kunstverein und im Künstlerhaus Stuttgart für Ausstellungen zur Verfügung stehen.
Noch ist es ruhig. Bald aber werden sich hier die Besucher drängen. So erhofft es sich das Land. Der Aufwand ist schließlich immens - pünktlich für die Eröffnung der Großen Landesausstellung zum Leben in der Eiszeit an diesem Freitagabend sind im Stuttgarter Kunstgebäude am Schlossplatz aufwendige Umbauten abgeschlossen worden. Silberfarben glänzt im ehemaligen Raum I eine plastische Linienfigur. Doch keine Skulptur ist zu bestaunen, auch kein versteckter künstlerischer Eingriff. Schlicht eine Verkaufstheke ist es, fest eingebaut und für kühle Tage auch mit einer Innenheizung versehen. Spektakulär nennt man solche Empfangssituationen heute gerne, und spektakulär im besten Sinne wird fraglos auch die vom Archäologischen Landesmuseum erarbeitete Begegnung mit der faszinierenden Eiszeit-Welt werden. Stutzig aber macht, welche Fakten hier geschaffen werden. Glaubte man mit dem Auszug der Städtischen Galerie in den Kunstmuseums-Neubau die Binnenverwerfungen im Kunstgebäude beendet, zementiert dessen jüngster Umbau buchstäblich die repräsentative Nutzung. Die Rolle als Bühne der Großen Landesausstellungen kollidiert indes mit den Interessen des angestammten Württembergischen Kunstvereins. Grundsätzlicher noch: Sie kollidiert mit der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart.
"Desire and Representation" ist die aktuelle Ausstellung des von Iris Dressler und Hans D. Christ gemeinsam geleiteten Kunstvereins betitelt - zu sehen ist eine Schau zum Werk der Berlinerin Peggy Buth. Um Sehnsucht und Repräsentation geht es denn auch tatsächlich in dieser Ausstellung. Gewagt wird die Aufführung eines vormaligen Buchprojekts - 2008 hatte Peggy Buth ihre Recherchen über das Königliche Museum für Zentralafrika in Tervuren bei Brüssel in eine zweibändige Publikation gefasst. Agiert Band eins mit Fotos aus dem Museum im Stil einer Dokumentation, verwebt Band zwei die Fäden der belgischen Kolonialgeschichte mit Henry Mortons 1874 erschienener Novelle "My Kalulu, Prince, King and Slave" - einem im Auftrag von Belgiens König Leopold II. erstellten Bericht über eine Reise durch den zum königlichen Privateigentum erklärten Kongo. Die Besucher von Peggy Buths Schau "Desire and Representation" erwartet eine Aufführung. In eigens für den Kunstverein erarbeiteten Räumen inszeniert Buth ihre vormaligen Recherchen. Noch eine Gesamtinstallation, schon ein Bühnenstück. Die fünfteilige Videoarbeit "O, My Kalulu!", in der Buth die Beziehung zwischen Prinz Kalulu und dessen Diener Selim als überzeitliche Frage an Begriffe wie Vertrauen, Macht und Liebe thematisiert, bildet Fixpunkte in einer Schau, die viel will und doch wenig mehr erreicht als das wunderbare Künstlerbuch "Desire and Representation" bieten kann.
Auch und gerade das mögliche Scheitern aber ist Teil der Ausgangssituation der Projekte im Württembergischen Kunstverein. Es geht um die Befragung des Jetzt, um die Sichtbarmachung zudem von tatsächlich oder nur scheinbar verlorenen Fäden, die sich durch die Geschichte des Menschseins ziehen.
Zu große Worte? Kunst ist immer eine Aussage über eine Gegenwart, die eine nicht zu leugnende Geschichte hat. So gilt indes umgekehrt: Gegenwart ist auch eine Kunst - und will als solche befragt werden. Ebensolche Zusammenhänge aber scheinen bei den verantwortlichen Kulturpolitikern in Stadt und Land eher eine untergeordnete Rolle zu spielen. Darauf deuten seitens des Landes zumindest die baulichen (und damit auch finanziell verbauten) Realitäten im Kunstgebäude hin und seitens der Stadt die jüngste Ankündigung einer ins Mark treffenden Sparrunde. Zehn Prozent Kürzung für jene Einrichtungen, die mit jährlich mehr als 400000 Euro gefördert werden, sieht eine Skizze von Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann vor. Ein Vorhaben, das unabhängig von der jeweiligen Institution den gleichen Effekt verspricht - Nullen bei der Summe für die beweglichen Mittel. 45000 Euro betragen diese etwa im Künstlerhaus Stuttgart, das sich unter Leitung von Axel Wieder national in die erste Reihe der Ausstellungsforen aktueller Kunst zurückgekämpft hat. 42 000 Euro wären nach jetzigem Stand einzusparen - mit 3000 Euro aber lässt sich kaum ein Projekt realisieren. Und ähnlich wie das Theaterhaus stünde auch der Württembergische Kunstverein vor einem unlösbaren Problem: 55000 Euro jährlich muss man selbst erwirtschaften, um überhaupt die Betriebsmittel zu decken. Kämen bei einer städtischen Förderung von 500000 Euro weitere 50 000 Euro dazu, droht das jetzt schon schlanke Binnensystem zu kollabieren. Jetzt rächt sich für das Künstlerhaus wie für den Kunstverein, dass einerseits die Zuschüsse der Stadt seit 1986 eingefroren sind, andererseits aber die Kosten enorm gestiegen sind.
"Desire and Representation", lange vorgeplant, erscheint so ungewollt als ein hintersinniger Kommentar nicht nur zur immer wieder gerne verschütteten Kolonialgeschichte, sondern auch zu einer aktuell drohenden Begrenzung der Sehnsucht durch repräsentative Strukturen. Ein Blick auf die nur durch ein alles überstrahlendes Engagement der Geschäftsführerin Petra von Olschowski kaschierte katastrophale Finanzsituation der Kunststiftung Baden-Württemberg zeigt, wie ernst die Gesamtsituation für das aktuelle Kunstschaffen in der Landeshauptstadt Stuttgart ist. Und die nächste Falle ist - bis hin zu den Kinderfilmtagen im Treffpunkt Rotebühlplatz - bereits gestellt: Wer die so gerne beschworenen Drittmittel einwerben will, braucht 20 (etwa Bundeskulturstiftung) bis 50 Prozent (etwa EU) Eigenmittel. Ohne Eigenmittel aber keine Drittmittel. Muss man es sagen? Vielleicht. Und doch immer wieder: Gegenwart ist auch eine Kunst.