Artikel aus der Filder Zeitung vom 16.09.2009

 

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Geänderte Perspektive: Algarve statt Albblick

Filder. Von der Heimat in die Ferne: In einer Serie berichten wir von den Erlebnissen einiger Auswanderer. Von Marion Martin
 

Von ihrer Terrasse aus haben die Wulles einen herrlichen Blick über den Golf von Cadis und das umgebende Hügelland. "Das ist fast ein bisschen wie Albblick", sagt Jürgen Wulle. 1997 wanderte der heute 69-Jährige gemeinsam mit seiner Frau Renate nach Portugal aus. "Meiner Frau wurde aus gesundheitlichen Gründen ein wärmeres, maritimes Klima empfohlen", erklärt Wulle den Entschluss, Deutschland zu verlassen. Nach intensiven Recherchen und einem zweiwöchigen Urlaub entschieden sich die beiden für die Algarve an der Küste Portugals. "Die Region liegt etwas geschützter und hier leben nicht so viele Ausländer. Wir wollten auf keinen Fall in einer deutschen Kolonie wohnen."



In den zwölf Jahren am Mittelmeer hat das Ehepaar Wulle sich gut eingefunden in die örtliche Gemeinde. "Hier ist alles unorganisierter. Daran muss man sich schon gewöhnen", gesteht der ehemalige Steinenbronner Gemeinderat. Besonders über die ziellose Art der portugiesischen Bauweise schüttelt er den Kopf. "Sie fangen an sieben verschiedenen Ecken an und wundern sich dann, dass sie die Baumaschinen eingebaut haben." Doch es hat sich auch einiges getan in dem südeuropäischen Land. Die EU-Gelder nutzten die Portugiesen viel für die Verbesserung ihrer Infrastruktur. "Als wir herkamen, gab es kaum asphaltierte Straßen. Das hat gestaubt nach Gottserbarmen", erinnert sich Jürgen Wulle.



Besonders stolz sind die West-Iberer allerdings auf ihre Straßenbeleuchtung. "Wenn ein neues Viertel gebaut wird, stehen als erstes die Laternen." Auch die Einkaufsmöglichkeiten haben sich gewandelt. "Anfangs mussten wir, um eine Dose Sauerkraut zu bekommen, etwa 80 Kilometer fahren. Heute gibt es in den meisten Orten einen Lidl oder Aldi." Neben Sauerkraut fehlt den Wulles auch die ein oder andere hausgemachte Leberwurst. "Das ist so ein Stück Kultur, das man mit sich trägt", so Jürgen Wulle über schwäbische Spezialitäten.



Zu Weihnachten nimmt das Ehepaar an den in Portugal üblichen Traditionen teil. "Bei Festen geht es hier hauptsächlich ums Essen", berichtet der Rentner. Während des letzten zunehmenden Mondes vor Heiligabend schlachten Bauernfamilien ein Schwein. "Das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Sauerei. Deswegen gehen wir seit einigen Jahren erst zum anschließenden Essen. Da wir in der Nachbarschaft inzwischen quasi zur Familie gehören, wird das auch akzeptiert", erzählt Wulle über die portugiesischen Weihnachtsriten.



Dass in den Dörfern ohne Straßennamen und Hausnummern dennoch Post ankommt, fasziniert die Wulles immer wieder. "Da fast alle in der Gegend aus dem gleichen Bergdorf stammen, heißen die meisten Fernandez oder Rodriguez", berichtet der Auswanderer über die Schwierigkeit, den Wohnort einer Person ausfindig zu machen. "Am besten fragt man im Café nach. Oft ist es auch hilfreich, nicht nur den Vornamen, sondern auch den Spitznamen zu wissen." Was sich die Einheimischen für ihn ausgedacht haben, kann der Steinenbronner nur erahnen. "Wahrscheinlich so was wie der deutsche Bart. Mit dem falle ich hier schon auf."



Wulles fühlen sich in Portugal wohl. Dauerhaft dort wieder die Zelte abzubrechen, können sie sich nicht so recht vorstellen. Gleichwohl haben sie die Wurzeln in der Heimat nicht ganz aus dem Boden gezogen. "Wir haben eine Wohnung in Tübingen und verbringen dort auch immer wieder Zeit. Das wird jetzt, wo wir eine kleine Enkeltochter haben, auch sicher wieder öfter der Fall sein", sagt Jürgen Wulle über das Leben mit zwei Wohnsitzen.
 

16.09.2009 - aktualisiert: 16.09.2009 06:01 Uhr

 

 



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