Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 17.09.2009
Das Massaker von Katyn
Ein nie gesühntes Verbrechen
Katyn - mit diesem Namen einer Ortschaft in Polen verbindet sich eines der zentralen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 20. Jahrhundert. 22 000 polnische Offiziere, Soldaten, Polizisten und Intellektuelle wurden im Wald bei Katyn ermordet.
Es hat sehr lange gedauert, bis nun endlich jener Film in die deutschen Kinos kommt, der dem 83-jährigen polnischen Oscar-Preisträger Andrzej Wajda der persönlich wichtigste seiner Karriere ist. Denn "Das Massaker von Katyn", wie der deutsche Titel lautet, erzählt nicht nur die Geschichte eines abscheulichen Verbrechens aus politischem Kalkül, sondern ist auch Wajdas Erinnerung an seinen Vater, der 1940 von Stalinisten ermordet wurde.
70 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs macht Wajdas bei der Berlinale 2008 uraufgeführter fast zweistündiger Film bewusst, dass 1939 nicht nur das nationalsozialistische Deutschland Polen angriff, sondern auch die Sowjetunion. Und nicht nur Hitler wollte die polnische Führungsschicht vernichten, auch Stalin: Vom Frühjahr 1940 an wurden in Katyn und anderen Orten bis zu 30 000 polnische Offiziere, Soldaten, Polizisten und Intellektuelle von der sowjetischen Geheimpolizei NKWD als vorgebliche "Nationalisten und konterrevolutionäre Intellektuelle" mit Genickschüssen umgebracht.
Bis 1943 blieb das Geschehen verborgen. Als im Februar jenes Jahres Wehrmachtsangehörige die Massengräber mit den Opfern entdeckten und die Nazi-Propaganda das im April 1943 weltweit publik machte, beschuldigten die Sowjets Deutschland als Schuldigen an dem Verbrechen. Das nach dem Krieg kommunistisch regierte Polen übernahm diese Geschichtslüge, die erst 1990 vom damaligen sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow eingestanden wurde. Weder in der Sowjetunion noch in der Russischen Republik wurde die Tat jemals gesühnt. Das alles sollte man wissen beim Erleben von Wajdas Film. Für polnische Zuschauer ist dieses Wissen selbstverständlich, denn Katyn ist im östlichen Nachbarland eine Wunde, die nie verheilen wird. Für deutsche Besucher wird es aber oft die erste Konfrontation mit einem historischen Verbrechen sein.
Gleich die ersten Szenen des Films zeigen sehr anschaulich die Situation Polens Mitte September 1939: Vom Westen dringen deutsche Truppen rasch vor, vom Osten kommt die Rote Armee. Und die mit Polen verbündeten Westmächte halten still. So ist die Situation all der Flüchtlinge verzweifelt, es gibt keinen Ausweg für sie. Besiegt ist auch die völlig unzureichend ausgerüstete polnische Armee, ihre Offiziere und Soldaten geraten in deutsche oder sowjetische Gefangenschaft. Für viele von ihnen hat damit der Weg in den Tod begonnen.
Im Mittelpunkt der Filmhandlung stehen der stolze Ulanen-Rittmeister Andrzej aus Krakau und seine Frau Anna. Sie kann nicht verhindern, dass ihr Mann in den Osten deportiert wird, ein Schicksal, das sie mit unzähligen anderen Frauen ihres Landes teilt. Anna wird lange auf die traurige Gewissheit über das gewaltsame Ende ihres Mannes warten müssen. Denn auch nach dem Krieg bleibt das Schicksal des Rittmeisters und seiner Kameraden ein Staatsgeheimnis. In erschütternden, tief unter die Haut gehenden Szenen zeigt Wajda am Schluss seines Films, wie polnische Gefangene getötet werden. Das sind Kinomomente, die kein Zuschauer vergessen wird und kann.
Andrzej Wajda hat sich mit seinen mehr als 30 Spielfilmen immer wieder als Chronist der polnischen Geschichte bewiesen. Sein Debütfilm "Die Generation" (1954) behandelte den polnischen Widerstand gegen die Okkupation. In dem in Cannes prämierten Film "Der Kanal" (1956) schilderte er das Scheitern des Aufstandes im Warschauer Ghetto, in "Der Mann aus Eisen" (1981) die Gründung der Gewerkschaft Solidarnosz, als deren Kandidat er 1989 für zwei Jahre in den polnischen Senat einzog. Mit "Das Massaker von Katyn" setzt er seinem ermordeten Vater ein würdiges Denkmal. Dabei verlangt er den Zuschauern einiges an Konzentration ab, nicht zuletzt weil die sehr plakativ gezeichneten Figuren nicht unbedingt zur Identifikation einladen. Erst zum Ende des Films, als Anna das Tagebuch ihres Mannes ausgehändigt bekommt und auf diese Weise von den Geschehnissen in Katyn erfährt, bringt Wajda das Massaker ins Bild, jetzt aber mit ganzer Wucht. Er zeigt, wie die Offiziere gefesselt durch den Wald getrieben werden, wie man ihnen nacheinander in den Hinterkopf schießt. Wajda verzichtet dabei auf jeglichen Dialog, untermalt wird die Szene lediglich durch das eigens von Krzysztof Penderecki komponierte elegische "Polnische Requiem".
In Polen hatte der Film ein großes Echo, viele Besucher verließen die Kinos mit Tränen in den Augen. Nach langen Verhandlungen wurde Wajdas Werk im März 2008 in Moskau gezeigt, auch dort zeigten sich die Zuschauer berührt. Nun haben auch die Deutschen Gelegenheit, jenen Film zu sehen, der 2008 für den Oscar (Bester fremdsprachiger Film) nominiert worden war.
Wolfgang Hübner
17.09.2009 - aktualisiert: 17.09.2009 11:57 Uhr