vom 23.09.2009
Filder. Immer mehr Leute wehren sich dagegen, dass die Stadt eine der zwei Fahrbüchereien stilllegen will. Von Rüdiger Ott
Gudrun Baier sammelt ebenfalls Unterschriften - im Asemwald. "Ich hoffe, 30 bis 40 zusammenzubekommen", sagt die Leiterin eines Literaturkreises in dem Wohnquartier. "Manche der Bewohner sind nicht in der Lage, sich ein Buch in der Stadt auszuleihen, schon aus körperlichen Gründen", sagt sie.
Der Grund für die beiden Aktionen ist der Plan der Stadt, einen der beiden Bücherbusse stillzulegen (wir berichteten). Weil Stuttgart jährlich 75 Millionen Euro einsparen muss, wurden alle Referate aufgefordert, Maßnahmen vorzuschlagen. Allein das Kulturreferat soll fünf Millionen Euro einsparen. Würde einer der beiden Bücherbusse abgeschafft, würde das den Stadtsäckel jährlich um rund 190 000 Euro entlasten. Über die Stilllegung entscheidet der Gemeinderat am 18. Dezember - bei der Verabschiedung des Doppelhaushalts 2010/2011.
Die Bücherei auf Rädern hält an 23 Standorten in der Stadt, und zwar immer in den Bezirken, die keine eigene Bücherei haben. Sechs der Haltestellen sind im Verbreitungsgebiet des BLICK VOM FERNSEHTURM - im Asemwald, Birkach, Heumaden, Riedenberg und Sillenbuch. Zudem fahren die Busse vormittags Schulen und Kindergärten an, um die Kinder auch während der Schulzeit mit Büchern zu versorgen.
Würde einer der Busse stillgelegt, "könnte die Hälfte der Haltestellen wegfallen", sagte Birgit Weinmann, die Leiterin der Fahrbücherei in der vergangenen Woche. Oliver Willikonsky, der persönliche Referent der Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann, widersprach dem. Alle Haltestellen sollen erhalten bleiben, stattdessen seltener angefahren werden, sagte er.
Tatsächlich war in einem ersten Konzept durchaus geplant gewesen, die Hälfte der Haltestellen zu streichen. Auf den Fildern wäre einzig die Sillenbucher Grundschule an der Silberwaldstraße weiter im Fahrplan der Stadtbücherei aufgelistet gewesen. "Davon sind wir aber inzwischen abgekommen", sagt die Leiterin der Stadtbücherei, Ingrid Bussmann.
Eines jedoch sei klar: "Alle Haltestellen werden wir nicht halten können, von vier bis fünf werden wir uns trennen müssen." Gleiches gelte für den Service für Schulen, der ebenfalls ausgedünnt werde. Die Entscheidung, welche Standorte betroffen sind, sei noch nicht gefallen. "Da spielen die Ausleihzahlen eine Rolle", sagt Bussmann, "aber auch soziale Gesichtspunkte".
"Fällt unsere Haltestelle weg, würde wohl kaum einer unserer Schüler noch zu Hause ein Buch in die Hand nehmen", sagt Daniela Noe-Klemm, "und das wäre fatal für uns". Noe-Klemm ist die Rektorin der Grundschule Riedenberg. Der Anteil von Schülern aus sogenannten bildungsfernen Schichten ist an ihrer Schule höher als anderswo. Dienstagnachmittags zwischen 14.45 und 15.30 Uhr gehen die Lehrer deshalb mit den Zweit- und Drittklässlern zum Parkplatz des benachbarten Geschwister-Scholl-Gymnasiums. Dort parkt der Bücherbus. Einige der Kinder leihen Bücher aus, andere schmökern auch nur. Von den 250 Schülern der Grundschule "nutzt mindestens die Hälfte dieses Angebot", sagt Noe-Klemm.
Inzwischen haben sich auch die örtlichen Christdemokraten des Themas Bücherbus angenommen. "Das Kulturreferat wird aufgefordert, die Versorgung des Stadtbezirks mit dem Bücherbus wie bisher fortzuführen und auf Einschränkungen hinsichtlich der Standorte, der Frequenz und der Verweildauer zu verzichten", steht in einem Antrag, über den die Bezirksbeiräte Sillenbuchs heute Abend in ihrer Sitzung sprechen werden (siehe Meldung unten).
23.09.2009 - aktualisiert: 23.09.2009 06:00 Uhr