In Weilimdorf nennt man nichts so, wie es eigentlich heißt. Zu der dort 1881 erbauten Zehntscheuer sagt der Volksmund Adlerscheune, obwohl es dort nur Fledermäuse gibt. Die Rossbachstraße ist der "Bombelhof". Und ein Bewohner des Stadtbezirks, der den schönen Nachnamen Hummel trug und einst eine Reise nach Hannover tat, erhielt den Kosename "Hannoverle".
Auch sonst fallen sprachliche Besonderheiten auf. Es gibt in Weilimdorf etwa ein Unterdorf, aber kein Oberdorf. Und eindrucksvoll ist auch, dass die Wortschöpfungen der Weilimdorfer gern auch zu offiziellen Namen werden. So geschehen etwa bei der Benennung des Hopplawegs 1993. Dieser liegt im Unterdorf, war bis dato namenlos, aber im Volksmund schon seit den zwanziger Jahren als "Hopplawegle" bekannt. Denn damals wohnte dort eine Dame, die mit bürgerlichem Namen angeblich Raith hieß, aber den Necknamen "Hoppla-Thekla" trug. Wenn sie eilig ging, soll sie nicht einen Schritt vor den anderen gesetzt haben, sondern getänzelt sein.
So verwundert es bei all den Wortschöfungen nicht, dass auch die Dachtlerstraße im Unterdorf noch einen anderen Namen hat: Krumme Gasse - ein Name, der sofort einleuchtet, denn der Straßenverlauf macht einen 90-Grad-Knick.
Benannt wurde die Dachtlerstraße im Jahr 1937 nach der alteingesessenen Familie Dachtler, deren Mitglieder sich um das Wohl der früher selbstständigen Gemeinde verdient gemacht haben. So waren Hans Dachtler 1674 bis 1679, Michael Dachtler 1796 bis 1810, Michel Dachtler um 1816 und Johannes Dachtler 1904 bis 1905 Bürgermeister beziehungsweise Gemeindepfleger von "Weil im Dorf"; Wilhelm Dachtler war um 1669 Heiligenpfleger. Katharine Dachtler ist in den Jahren 1789 bis 1831 als Weilimdorfer Hebamme genannt.
Als "Weil im Dorf" noch selbstständig war, wurde die Dachtlerstraße im südlicheren Teil Kurze Straße, im nördlicheren Schmale Gasse genannt. Im Volksmund heißt sie bis heute noch Krumme Gasse.
Das ist auch das Erste, was Klaus Rapp zu der Straße einfällt, in der er vor 57 Jahren geboren wurde und in der er seither wohnt. Sein Elternhaus wurde 1872 von seinem Urgroßvater Wilhelm Aeckerle erbaut, einem Küfermeister. Sein Großvater, der den gleichen Namen trug, übernahm die Werkstatt, die neben dem Wohnhaus errichtet war; erst Rapps Vater unterbrach die Tradition: Der Maurermeister ließ in den 1950er Jahren die Werkstatt abreißen und ersetzte sie durch Stellplätze.
Klaus Rapp selbst ist mit Pferden, Kühen und Hühnern aufgewachsen, denn damals stand schräg gegenüber seines Geburtshauses - dort wo heute ein Haus im Schwarzwaldstil auffällt - noch ein Bauernhof. "Wenn der Traktor angeworfen wurde, war ich drüben", erinnert er sich. Einen einzigen halben Tag war der kleine Klaus im Kindergarten - dann weigerte er sich, dort je wieder hinzugehen: "Auf dem Hof war's viel schöner!" Gerne trieb er sich auch bei den Wildenten am Lindenbach herum, der direkt am Haus entlangfließt - und der früher "schon noch sauberer war". Hochwasser gab es oft, über die Ufer und in die Keller getreten ist der Lindenbach bisher aber noch nie. Dafür gab es im Juli dieses Jahres unwetterbedingte Überschwemmungen im Stuttgarter Norden - und auch in Weilimdorf. Nachdem die Nachbarn in der Straße sich gegenseitig geholfen hatten, die Keller auszupumpen, habe man spontan beschlossen, eine Hocketse zu veranstalten. "Man kennt sich, oft wohnen die Familien schon seit Generationen hier", sagt Rapp, der seit 35 Jahren Messtechnik vertreibt.
Klaus Rapp geht zur Rückseite seines Hauses. Während es an der Vorderseite glatt verputzt ist, zeigt sich hier das Fachwerkgerüst. Auch das Haus gegenüber ist eines mit Gebälk. Doch während dort die Balken braun sind, leuchten sie bei Rapp in einem sattem Grün. "Das ist mir unerklärlich", sagt Rapp, "unser Gebälk war auch braun."
Es scheint, es geht hier nicht mit rechten Dingen zu. Schließlich sollen auch mehrere Gespenster und Untote ab und an in Weilimdorf gesehen worden sein. So wird berichtet, dass in der Krummen Gasse, der heutigen Dachtlerstraße, ein schneeweißes Schwein umherläuft.
Bis vor 15 Jahren noch wäre dies - abgesehen von der Farbe des Tiers - nicht weiter verwunderlich gewesen. Denn noch bis zu diesem Zeitpunkt gab es in der Dachtlerstraße Bauernhöfe. So wuchs Rapps Sohn, heute 27, ähnlich auf wie noch sein Vater: in einer Straße, in der die Zeit stehengeblieben schien. "Mein Sohn wollte aber nichts von der Landwirtschaft wissen, er hat immer die Nase gerümpft", erinnert sich Rapp. Inzwischen studiert sein Sohn, wohnt aber nach wie vor zu Hause. "Wer diese Ruhe inmitten der dörflich anmutenden Gemeinde, die aber doch nahe an der Stadt liegt, einmal gewohnt ist, der will sie nicht mehr missen", sagt Rapp.
Man möchte es nicht heraufbeschwören, aber vielleicht steht bald wieder eine Umbenennung der Dachtlerstraße bevor: Dort wohnen noch immer vier Familien mit dem schönen Nachnamen Hummel, die aber nicht miteinander verwandt sind. Ob einer wohl von dem Hannoverle abstammt, der einst eine Reise in den Norden tat? Dann läge es doch nahe, den Namen Dachtler- in Hannoverlestraße zu ändern.