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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 24.09.2009

Wüstenblume

Das Schweigen gebrochen

Eine zerzauste 13-Jährige hetzt durch die somalische Wüste. Kein Schutz vor der gleißenden Sonne, feuchte Samenkapseln nähren sie in der vertrockneten Landschaft, orangefarbene Fetzen bedecken ihren Körper. Wer hat so viel Fantasie, sich vorzustellen, dass das vor einer Zwangsheirat fliehende Nomadenkind Jahre später als Elite-Model die Catwalks der namhaftesten Modelabels zum Leuchten bringt? Aus der Wüste in die Metropole London, von der Verzweiflung zur Hoffnung ins Licht: Das sind die Lebensstationen der Somalierin Waris Dirie - doch hinter der makellosen Fassade der wunderschönen Frau mit dem Gang einer Königin verbirgt sich eine menschliche Katastrophe: Ihre Genitalien wurden als Kind nach archaischem Brauch brutal verstümmelt. Als erstes von jährlich 6000 Opfern weltweit brach Waris Dirie das Schweigen, ihre Autobiografie "Wüstenblume" wurde zum Bestseller, ihres Engagements wegen bestellte man sie zur UN-Botschafterin.

Großes Kino sollte die elf Millionen Euro teure Verfilmung durch Regisseurin und Drehbuchautorin Sherry Horman werden. Doch die konnte sich angesichts der Stofffülle nicht entscheiden. Die Genres wechseln wie die Rollen, die Dirie (dargestellt vom äthiopischen Model Liya Kebede) in ihrer Entwicklung vom Kind zur Frau durchlebt. Dokumentarisch-folkloristisch wirken die Szenen in Afrika, immer wieder skurril-komödiantisch die Freundschaft der Protagonistin zur quirligen Lebenskünstlerin Marilyn (Sally Hawkins), pseudodramatisch und verdrückt ihre Scheinehe mit einem No-Name-Mann, bis sie als neues Gesicht der Haute Couture exotischen Glanz auf die Catwalks bringt. Wie Abziehbilder aus Hollywoodschnulzen und den Hochglanzmagazinen rauschen nun Filmsequenzen am Kinobesucher vorbei - zu viel, zu bunt, zu laut.

Und doch gibt es auch die wenigen magischen Momente. Berührend und glaubwürdig wirkt die Entdeckung der "Wüstenblume" durch den Starfotografen Terry Donaldson, großartig besetzt mit Timothy Spall. Und selten sah man auf der Leinwand größeres Entsetzen als in dem Moment, in dem Waris in einem Augenblick der Verzweiflung, nach vergeblichen Erklärungsversuchen über ihre Kindheitsmisshandlung, der neuen Vertrauten Marilyn die Reste ihrer Genitalien zeigt. Wie in einem Zerrspiegel nimmt die Afrikanerin dann erstmals in ihrem Leben den Schoß einer unverstümmelten Frau wahr.
 

Brigitte Jähnigen

24.09.2009 - aktualisiert: 24.09.2009 12:50 Uhr

 


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