Stuttgart - "Schlag die Merkel" oder "Schlag den Steinmeier"? Der ansonsten eher unpolitische Stefan Raab hat im ansonsten eher unpolitischen Sender Pro Sieben das Schlusswort im TV-Wahlkampf.
Unter dem Motto "Wir wählen schon heute" präsentiert der Entertainer an diesem Samstagabend die "TV total Bundestagswahl 2009". Die Show verspricht mehr als das gewohnte Raab-Spektakel. Sie soll junge Zuschauer zum Wählen motivieren und eine echte Entscheidungshilfe bieten. Am Ende wählt das Publikum per Telefon und SMS den TV total Bundestag.
Das hat schon einmal funktioniert. Bei der ersten Ausgabe der Sendung 2005 gab eine halbe Million Menschen ihre Stimme ab - und Raabs Ergebnis lag deutlich näher am tatsächlichen Wahlausgang als die Prognosen der meisten Umfrageinstitute. Nur Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier sind nicht überzeugt von der Zugkraft der Show, sie haben abgesagt. Raab gibt aber grundsätzlich nie auf und hat noch Hoffnung: "Ich gehe davon aus, dass sich Steinmeier kurzfristig entscheidet. Wenn er zusagt, wird Merkel dazuspringen."
Da hofft Raab wohl vergeblich - und spöttelt schon mal in Sachen Steinmeier: "Kommt er nicht, dann weiß er, dass er keine Chance mehr hat." An politischem Toppersonal fehlt es der Show dennoch nicht - sie gilt bei den Parteien als ideale Möglichkeit, kurz vor der Wahl junge Wähler zu mobilisieren. Die Opposition tritt mit Guido Westerwelle (FDP), Jürgen Trittin (Grüne) und Gregor Gysi (Linke) geschlossen an. Die Große Koalition schickt mit Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Niedersachsens Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) und SPD-Chef Franz Müntefering Leute aus der ersten Garde. Sie stellen sich den Fragen von Sat-1-Nachrichtenchef Peter Limbourg, der versuchen will, eine bessere Figur zu machen als beim Merkel-Steinmeier-Duell.
In Sachen Umfrageergebnis hat Raab erneut sein notorischer Ehrgeiz gepackt. Er will mit "Deutschlands größter Politumfrage" noch näher am echten Resultat als 2005 sein: "Wir haben einen Koeffizienten errechnet, mit dem wir unser Ergebnis, das demoskopisch nicht die Breite der Gesellschaft widerspiegelt, auf das potenzielle Bundestagswahlergebnis umrechnen können. Am Ende der Show wissen wir ziemlich genau, was am Sonntag passiert." Noch ein neues Motto beim umtriebigen TV-Macher: Schlag die Forschungsgruppe Wahlen!
Limbourg glaubt, es werde eine härtere Debatte geben als beim TV-Streit zwischen Merkel und Steinmeier. "Das ist die letzte Chance der Parteien, ihre Wähler zu mobilisieren." Die Show käme nicht zu kurz, versprach Raab: "Die Band wird live spielen, wenn die Politiker die Treppe runterkommen und sich locker schlendernd dem Publikum präsentieren."
Einen kleinen Skandal hat Stefan Raabs Wahlsendung übrigens schon vorzuweisen - wie es sich für ein knallhartes Politspektakel gehört. Nach Angaben von ProSieben wurden alle im Bundestag vertretenen Parteien eingeladen - was genau genommen nicht stimmt. Seit der unter Kinderpornografie-Verdacht stehende SPD-Abgeordnete Jörg Tauss zur Piratenpartei gewechselt ist, sind auch die Piraten mit einem Sitz in Berlin vertreten.
Zu Raab dürfen sie dennoch nicht, und sie stehen auch nicht telefonisch zur Wahl, was die überwiegend jungen Anhänger der Partei zu Protest und offenen Briefen im Internet veranlasst hat. Tenor: politisches Kalkül oder pure Feigheit von Pro Sieben? Raab wehrt sich: "Man muss das wirklich eingrenzen, sonst haben wir nachher noch die Partei der Bibeltreuen Christen dabei."
Ganz geheuer dürfte ihm die Piratenpartei ohnehin nicht sein. Denn überproportional viele Anrufe der jungen Piratenfans könnten Raabs Wahlergebnis verfälschen. Und dann wird's nichts mit dem Triumph über die Forschungsgruppe Wahlen.
Pro Sieben, Samstag, 20.15 Uhr