Stuttgart - Auch bei der Bundestagswahl gab es nach Meinung der direkt gewählten CDU-Abgeordneten Stefan Kaufmann und Karin Maag in der Innenstadt viele Proteststimmen wegen Stuttgart21. Das sagten sie im Interview mit unserer Zeitung.
Mit Ihrer ersten Kandidatur raubten Sie der kampferprobten SPD-Abgeordneten Ute Kumpf das Direktmandat und hielten den prominenteren Grünen-Chef Cem Özdemir auf Distanz. Wie schwer war das erkämpft?
Maag: Das war Knochenarbeit. Wir sind auf jedem Fest gewesen, an vielen Wahlkampfständen. Alle Veranstaltungen mit mehr als 20 Besuchern haben wir besucht. Ich bin von Tisch zu Tisch gegangen und habe mich vorgestellt, was mir nicht leichtfiel.
Maag mehr als 10.000 Stimmen vor Kumpf, Kaufmann über 6000 Stimmen vor Özdemir: Ist das ein Triumph, der einen schweben lässt?Maag: Es tut gut. Es ist eine Belohnung für harte Arbeit. Ich habe mich bei Frau Kumpf bedankt. Sie hat einen fairen Wahlkampf geführt. Insofern werden wir aus meiner Sicht in Berlin gut auskommen. Sie ist ja weiter Bundestagsabgeordnete.
Wie war das mit der Fairness in Ihrem Wahlkreis, Herr Kaufmann? Viele fanden indiskutabel, dass Sie in einem Kinowerbespot an Özdemirs Koteletten herumschnippeln ließen. Kaufmann: Zunächst mal: Ich finde, dass Ute Vogt von der SPD unter Wert geschlagen wurde, nachdem sie sich in einer Weise engagiert hatte, wie sie es als Landeslisten-Erstplatzierte nicht unbedingt hätte machen müssen. Der Wahlkampf Kaufmann/Özdemir war möglicherweise etwas nicklig, aber es sind auch von Özdemirs Seite im Hintergrund Dinge vorgefallen, die nicht immer fair waren. So wurden von den Grünen Gerüchte lanciert, die Kellner im Grand Café Planie seien gezwungen worden, Hemden mit Kaufmann-Werbeaufdruck zu tragen.
Und Ihr Kinowerbespot?Kaufmann: Der Ärger über die Schere kam erst in den letzten Tagen auf. Das Scheren wurde plötzlich als Ängstigung von Kindern etc. gedeutet. Ich konnte die Kritik aber nicht nachvollziehen. Der Werbespot spielte mit den Koteletten, weil Özdemir die selbst zum Kult machen wollte. Er sitzt im Spot vor dem Spiegel und pflegt sie.
Wer unter die Schere kommt, findet es meist nicht so witzig wie der, der die Schere ansetzt.Kaufmann: Ja, klar. Ich konnte das trotzdem nicht nachvollziehen. Viele fanden es lustig. Man wird sich mal mit der Grundsatzfrage befassen müssen, ob man sich noch auseinandersetzen darf mit dem Gegenkandidaten oder nicht. Wenn jemand wie Özdemir einen Medienwahlkampf führt, muss ich dem doch was entgegensetzen können, vor allem wenn nicht alles so korrekt ist. Etwa die Aussage, dass Özdemir aus Stuttgart komme und hier verwurzelt sei.
Die Grünen sind zwar nicht ganz vorn gelandet, aber stark - und sie lehnen Stuttgart 21 ab. Haben Sie im Umkehrschluss den Auftrag erhalten, den Zug endlich unumkehrbar in Richtung Stuttgart 21 fahren zu lassen?Kaufmann: In meinem Wahlkreis hat das wahrscheinlich eine größere Rolle gespielt.
Maag: Ja, allerdings kam Stuttgart 21 gegen Ende auch in meinem Wahlkreis in Ober- und Untertürkheim mehr zur Sprache. Wir beide sind immer mit der Aussage ins Rennen gegangen, dass wir für Stuttgart 21 plädieren. Man hat also pro Stuttgart 21 gewählt, wenn man uns wählte. Aber es ist kein bundespolitisches Thema.
Kaufmann: Der Versuch der Grünen in meinem Wahlkreis, einen direkten Zusammenhang herzustellen und Hoffnungen auf die Verhinderung zu wecken, verfing nicht mehr so wie bei der Kommunalwahl. Auf der anderen Seite ist klar, dass es vor allem in den Bezirken Mitte und West immer noch viele Proteststimmen für die Grünen gab, wenngleich meine unterschiedlichen Ergebnisse dort und auf den Fildern auch von den anderen sozialen Milieus herrühren.
In der Innenstadt sind die Grünen wieder hochprozentig. Versagten Ihre Rezepte zur Eindämmung der Grünen dort?Maag: Das Erstarken der Grünen hat wirklich mit Großprojekten zu tun. Auch die Lehre aus dieser Wahl ist, dass wir die Menschen besser mitnehmen müssen. Das zeigt das Ergebnis meiner Grünen-Gegenkandidatin Birgitt Bender, die keinen Erststimmen-Wahlkampf führte, aber großen Zulauf bekam. Vor allem in der Kommunalpolitik müssen wir die Menschen besser einbinden.
Und Sie, Herr Kaufmann, haben Sie noch was anderes in der Trickkiste?Kaufmann: Einen erfolgreichen Großstadtwahlkampf zu machen war schwierig, nicht nur wegen Stuttgart 21. Es liegt auch an der Bevölkerungsstruktur in den Innenstadtbezirken. Das erfordert, trotz guter Arbeit unserer Ortsgruppen, eine langfristigere Arbeit. Unsere Leute bilden dort die Bevölkerung nur bedingt ab. Die Grünen leben eher im Süden und Westen und sind dort verwurzelt in den Strukturen und in Projekten. Da müssen wir wieder hinkommen. Wir haben im Bereich von Familie und Beruf in Stuttgart zwar schon gute Angebote gemacht, für viele hat die CDU in diesen Bezirken aber noch den Charakter des Spießigen. Das in der Kürze der Zeit aufzubrechen ist auch mir nicht gelungen.
Was wollen Sie in Berlin für Stuttgart schaffen?Maag: Wir wollen neuen Schwung beispielsweise für die Pläne zugunsten einer neuen Filderauffahrt vom Neckartal zur Autobahn nach München. Für mich wäre es auch ein Unding, sollte der Rosensteintunnel gekippt werden. Der Pragsattel und Cannstatt müssen noch mehr vom Verkehr entlastet werden. Auch der Nordostring brennt uns in meinem Wahlkreis auf den Nägeln, wenngleich es dafür keine Bundesmittel gibt.
Kaufmann: Bei mir kommt zum Verkehrsprojekt Filderauffahrt noch das Thema Forschungsförderung und Exzellenz-Initiative. Die Uni Stuttgart hat da Unterstützung durchaus nötig.