Stuttgart - Weniger gefährliche Waffen, Alarmsysteme und sichere Drehknöpfe zum Verbarrikadieren an Schulen, Funkruf-Geräte (Pager) für Schulleiter und missbrauchssichere Brandmelder: Mit 83 Empfehlungen will der "Expertenkreis Amok" das Risiko von Amoktaten mindern. Am Mittwoch legte das Gremium, das sich mit der Aufarbeitung des Amoklaufs in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) und Wendlingen (Kreis Esslingen) befasste, seinen Abschlussbericht vor.
In den Schulen im Südwesten werden nach Expertenansicht bislang nicht einmal die elementaren Grundsätze für Sicherheit befolgt. "Mit einfachsten Mitteln können Schulen sicherer gemacht werden", sagte der Leiter der Abteilung für Sicherheit im Karlsruher Unternehmen b.i.g., Steffen Weiß.
Das Aktionsbündnis Amoklauf forderte eine konsequentere Erziehung und ein Einmischen der Eltern in das Leben ihrer Kinder. "Erziehung bedeutet den Abschied von einem grenzenlosen Liberalismus, der nichts anderes ist als die Tarnkappe der Gleichgültigkeit", sagte die Sprecherin des Bündnisses, Gisela Mayer, bei einer Tagung in Bad Boll (Kreis Göppingen). Sie hat ihre Tochter, die als Lehrerin an der Albertville-Realschule gearbeitet hatte, beim Amoklauf verloren. Am 11. März hatte ein 17 Jahre alter Schüler mit einer großkalibrigen Pistole binnen weniger Stunden 15 Menschen und danach sich selbst erschossen.
Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) bezeichnete die Expertenvorschläge als "maßvoll". Sie würden sich im Haushalt wiederfinden. "Allerdings wird man die Grenzen des Haushalts nicht verkennen dürfen." Schulen hätten dadurch keine Handlungsgrundlage, Lehrer keine Handhabe gegen gewaltbereite Schüler und Vandalismus oder gegen Leute, die das Schulgebäude unbefugt betreten.
Kultusminister Helmut Rau (CDU) bezifferte die Kosten für die Aufrüstung der Schulen mit sicheren Türknäufen, die sich von innen verriegeln lassen, mit zwischen 30 bis 50 Millionen Euro. Es gebe rund 100.000 Schulräume im Land. Pro Tür könnten zwischen 300 bis 500 Euro anfallen, sagte Rau.
Dem Sicherheitsexperten Weiß geht dies nicht weit genug. Er plädierte für Zutritts-Ausweise an Schulen, klare Hausordnungen und regelmäßige Taschenkontrollen. "Von einem oft beschworenen angeblichen Hochsicherheitstrakt sind wir dann immer noch weit entfernt." Kaum eine Schule habe eine vernünftige Hausordnung mit klaren und verbindlichen Regeln. Dies zu ändern, sei der Anfang.
Der Expertenkreis hatte nach eigenen Angaben auch die Möglichkeit diskutiert, Zugänge nach Unterrichtsbeginn zu verschließen, dies aber ebenso verworfen wie die Möglichkeiten der Videoüberwachung oder Zugangskontrollen durch Hausmeister, Zugangschips oder Ausweiskarten, da eine Schule "keine Festung, sondern ein offener Raum sein soll."
Die Experten empfahlen aber, dass Waffenbesitzer für Kontrollen eine Gebühr analog dem Auto-TÜV bezahlen sollen. "Die Verfügbarkeit von Waffen ist ein Risikofaktor für Amoktaten", sagte der Vorsitzende des Expertenkreises, der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Udo Andriof. Deutschlandweit gebe es rund 7 Millionen registrierter und zudem 20 Millionen illegaler Waffen.
Langfristiges Ziel müsse es sein, Großkaliberwaffen und andere extrem gefährliche Waffen aus Privathaushalten zu verbannen, heißt es im Bericht. Als weitere Bausteine nennen die Experten das Anheben der Altersgrenze für das Schießen mit großkalibrigen Waffen von 18 auf 21 Jahre, ein Verbot von Killerspielen sowie die Erhöhung des Strafrahmens für Trittbrettfahrer von drei auf fünf Jahre.