Leser-Service

 


Artikel aus der Kornwestheimer Zeitung vom 01.10.2009

 

Drucken

So viele Bücher und kaum Zeit fürs Lesen

Kornwestheim Fünf Jahrzehnte Stadtbücherei - Grund zu feiern und Grund für eine neue Serie, die heute mit einem Interview mit Bücherei-Leiterin Sabine Stemmler startet.
 

Die Stadtbücherei feiert Geburtstag. Viel hat sich in den vergangenen 50 Jahren verändert - nicht nur das Zuhause der Bücherei. Zum Auftakt einer neuen Serie anlässlich des Jubiläums hat Werner Waldner mit Leiterin Sabine Stemmler über die Entwicklung der Einrichtung, den Beruf der Bibliothekarin und den Wandel der Medien gesprochen.



Frau Stemmler, als Sie vor 30 Jahren Ihren Dienst in Kornwestheim antraten, da haben Sie gesagt, dass Sie die Bezeichnungen Leseratte und Bücherwurm nicht mögen. Hat sich daran mittlerweile etwas geändert?



Ich bin etwas milder geworden. Trotzdem: Mit diesen Viechern, mit Ratten und Würmern, habe ich so meine Probleme.



Was wäre die Ihrer Ansicht nach richtige Bezeichnung?



Besser wäre auf jeden Fall Lesebegeisterte.



Haben Sie es je bereut, nach Kornwestheim gekommen zu sein?



Nein, nie.



Was zeichnet den Arbeitsplatz Stadtbibliothek aus?



Er ist einfach vielgestaltig. Man hat viele unterschiedliche Aufgaben, man hat Kontakt zum Publikum, muss sich jeden Tag auf neue Leute einstellen. Es macht Spaß, Projekte zu entwickeln und sie dann umzusetzen.



Was zeichnet die Kornwestheimer Bücherei aus? Unterscheidet sie sich von Bibliotheken in anderen Städten?



Jede Bücherei hat ihr eigenes Profil, muss sich auf die Bedürfnisse der Leser in der Stadt einstellen und auf die Einrichtungen, die sie in ihrem Ort vorfindet. Gibt es spezielle Fachschulen? Gibt es eine Volkshochschule? Das müssen Bibliothekare beim Aufbau des Buchbestandes berücksichtigen. Bei uns bildet die Kinderbücherei einen großen Schwerpunkt, außerdem bieten wir viele Bücher für Schüler an.



Was waren in den 30 Jahren, die Sie für die Kornwestheimer Bücherei arbeiten, die gravierendsten Änderungen?



Zum einen sicherlich der Abschied von der alten Lochkarte hin zum Computer. Das hat an den Arbeitsabläufen viel verändert und ein neues Denken erfordert. 2005 sind wir auf ein neues Computersystem umgestiegen. Wir lernen also nie aus.



Macht die EDV die Arbeit wirklich leichter für Sie, oder ist es nur ein anderes Arbeiten?



Sie macht’s auf jeden Fall leichter, sie reduziert diese eintönigen Arbeiten wie Katalogzettel erstellen, Katalogzettel sortieren. Wir sind ja ständig mit tausenden von Katalogzetteln befasst gewesen. Das ist öde. Diese Zeit können wir jetzt für sinnvollen Service am Kunden nutzen.



Wir haben bis jetzt noch gar nicht vom Lesen gesprochen. Muss man als Bibliothekarin gar nicht gerne lesen?



Lesen sollte man schon. Die Crux ist halt nur, dass man dazu fast nicht kommt. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass man den ganzen Tag liest. Das Schöne ist aber, dass wir an der Quelle sitzen. Wir sehen ganz genau, was auf dem Buchmarkt neu ist.



Was hat Sie bewogen, den Beruf zu ergreifen?



Es war wohl dieser Trugschluss. Aber ich gehe auch gerne mit Menschen um.



Leihen Sie sich denn Bücher aus Ihrer Bücherei aus?



Ja, natürlich.



Aber Sie nehmen die Bücher einfach so mit nach Hause.



Nein, ich leihe ganz regulär aus.



Welche Literatur weist Ihr Leihkonto gerade aus?



Ich habe mir den neuen Kaminer "Meine russischen Nachbarn" ausgeliehen. Außerdem lese ich von Jakob Hein "Vor mir der Tag und hinter mir die Nacht", eine ganz skurrile Geschichte.



1996 haben Sie Ausleihgebühren in der Kornwestheimer Stadtbücherei eingeführt. Sie haben sich damals dagegen ausgesprochen. Hat sich Ihre Meinung geändert?



Wir waren skeptisch, aber der Gemeinderat hat es beschlossen. Die Gebühren sind übrigens bis heute unverändert. Mittlerweile leben unsere Leser und leben wir damit. Damals gab es schon einen Rückgang bei den Ausleih- und bei den Leserzahlen. Aber das hat sich relativ schnell beruhigt. Nach ein, zwei Jahren waren wir wieder auf dem alten Stand. Es gibt kaum noch Bibliotheken, die gebührenfrei ausleihen.



Die Stadtbücherei ist vor 37 Jahren in dieses Haus gezogen. 37 Jahre, das ist für ein Haus eigentlich kein Alter. Aber diese Bücherei wirkt doch sehr in die Jahre gekommen, sehr eng. Hat sich die Stadt zu wenig um ihre Bücherei gekümmert?



Das will ich nicht sagen. An- und Umbauten waren immer im Gespräch. Deshalb war man mit Renovierungen zurückhaltend, weil wir öfter mal kurz vorm Neubau oder vorm Anbau standen.



Der erste Büchereileiter ist wenige Tage, nachdem der Neubau hier an der Kantstraße in Betrieb genommen worden ist, verabschiedet worden. Droht Ihnen dieses Schicksal auch: Der Neubau ist fertig, und sie gehen in den Ruhestand?



Ich habe es nicht vor. Ende 2012 soll der Neubau fertig sein, und dort möchte ich auch weiter arbeiten.



Was wird künftig alles besser?



Das Wichtigste: Wir haben einfach mehr Platz. Wir können uns entwickeln, können in der Veranstaltungsarbeit Neues anbieten. Wir können die Bücherei neu gestalten, nach anderen Gesichtspunkten aufbauen. Das können wir derzeit nicht machen, weil wir dafür einfach den Platz nicht haben. Und wir haben künftig vernünftige Arbeitsbedingungen mit ausreichend großen Büros. Das darf man auch nicht unterschätzen.



Der Aufbau einer neuer Bücherei: Ist das der Traum einer Bibliothekarin?



Auf jeden Fall. Ich habe ja lange drauf gewartet und freue mich umso mehr. Zupass kommt mir jetzt, dass ich im Studium das Wahlfach "Bibliotheksbau" gehabt habe. Das ist zwar lange her, aber man hat eine Antenne entwickeln können, was moderner Bibliotheksbau darstellen soll.



Ich nehme mal an, Sie schauen nicht nur auf die Regale und den Platz dazwischen.



Da kommt sehr viel hinzu. Nehmen Sie das Thema Beleuchtung, das ganz wichtig ist, das Thema Klima, die Raumfunktionsplanung. Wie ordnet man die einzelnen Bereiche an, damit es sinnvolle Arbeitsabläufe ergibt und der Leser sich gut zurechtfindet? Die Orientierung ist eine ganz elementare Sache. Und schließlich gibt es auch noch ästhetische Ansprüche.



Lohnt sich der Aufwand? Wird es angesichts der neuen Medien Büchereien künftig überhaupt noch geben? Im Internet kann ich mir doch alle Informationen kostenlos holen.



Alle Informationen bekommen Sie dort nicht kostenlos, und häufig lässt es sich nicht feststellen, ob die Informationen richtig und die Quellen glaubwürdig und seriös sind. Die meisten Informationen gibt es immer noch in Büchern. Für die Belletristik oder für Kinderbücher kann ich mir nicht vorstellen, dass sie am PC gelesen werden. Das Buch wird noch lange bestehen bleiben. Wir werden das Aussterben des Buchs sicherlich nicht erleben.



Werden Sie denn irgendwann auch mal E-Books anbieten?



Das haben wir schon vor, und in unserer Online-Bibliothek gibt es sie ja auch schon.



Wer wählt die Bücher aus, die Sie anbieten?



Die Bibliothekarinnen. Wir haben uns die Bereiche in die Lektorate aufgeteilt, wir teilen uns den Etat von 60 000 Euro auf und suchen dann aus, was angeschafft wird.



60 000 Euro - sind Sie damit zufrieden?



Es darf immer mehr sein. Nein, im Ernst: Das ist angemessen, weil unser Bestand wegen des Platzmangels nicht wachsen darf. Wir sondern genau so viele Medien aus wie wir einkaufen. Der Medienbestand bleibt stabil, ist aber immer auf dem aktuellen Stand. Und so sollte es sein.



Sie sondern Bücher aus? Ein richtiger Bücherfreund kann keine Bücher wegschmeißen.



Privat fällt es mir auch ganz schwer, aber beruflich gibt’s wohl keine andere Möglichkeit. Bücher gehen nach 60, 70 Ausleihen kaputt, da sind sie hinüber.



Sie gehen beim Einkauf auch auf Leserwünsche ein. Was wünscht sich der Kornwestheimer Leser so?



Meistens die Bücher, die gerade in den Medien besprochen werden. Aber die kaufen wir ja ohnehin. Wir haben jetzt schon die Bücher im Haus, die in der kommenden Woche auf der Spiegel-Bestsellerliste stehen.



Kaufen Sie pro Bestseller immer nur ein Exemplar?



Es gibt Bücher, denken Sie an Harry Potter, die haben wir in sechsfacher Ausführung da. Sonst können wir die Nachfrage nicht befriedigen. Wenn drei, vier Vormerkungen für ein Buch vorliegen, dann wird die Wartezeit sehr lang. Das ist für den Leser nicht mehr attraktiv.



Sind öffentliche Büchereien für den Buchhandel kaufschädigend oder kauffördernd?



Ich denke eher kauffördernd. Leser, die in einer Bücherei ausleihen, kaufen selbst auch viele Bücher. Nicht-Leser erreichen weder wir noch der Buchhandel.





Neue Serie In loser Folge berichten wir in den kommenden Wochen über die Stadtbücherei - ihre Geschichte, ihr Gebäude, ihren Bestand und das Angebot für Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig stellen die Bibliotheks-Mitarbeiterinnen ihre Lieblingsbücher vor.
 

01.10.2009 - aktualisiert: 01.10.2009 06:01 Uhr

 

 




Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise