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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 01.10.2009

Verblendung

Lisbeth kann auch anders

Krimiautor Stieg Larsson hat den Erfolg seiner Bücher nicht mehr erlebt, kurz vor Veröffentlichung seiner "Millennium-Trilogie" "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung" starb er an einem Herzinfarkt. Der erste Band war 2008 das meistgekaufte Buch Europas und hat alles, was die Krimi-Leserschaft begeistert, eine mysteriöse, verrätselte Geschichte, die aus dunklen Familiengeheimnissen heraus fast widerstrebend Konturen gewinnt und kaum vorstellbare sexuelle Abgründe enthüllt. Zudem hat Larsson ein ungewöhnliches Ermittlerduo erschaffen: Eine Art eigenes Alter Ego, den aufrechten, unbestechlichen Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, und die talentierte Hackerin Lisbeth Salander, die als junges Mädchen kriminell gehandelt hat und in den Sozialakten als aggressive Psychopatin geführt wird. In "Verblendung" ist das Duo einem Gewaltverbrechen auf der Spur, das 40 Jahre zurückliegt.

Eine Verfilmung des fast 700-seitigen Thrillers birgt Risiken, doch die Macher, unter anderem das ZDF als Koproduzent, haben Unwegsamkeiten bravourös umschifft. Das Handlungsgestrüpp ist auf intelligente Weise gelichtet, ohne dass die Geschichte an Stringenz und Logik verloren hätte. Und die Frage, wer den sperrigen Part von Lisbeth Salander glaubwürdig verkörpern soll, ist jetzt ebenfalls beantwortet: Die in Deutschland unbekannte Schauspielerin Noomi Rapace erweckt alle Facetten der Figur zum Leben. Mit ihrem schmächtigen Körper, dem gepiercten Gesicht und den schräg nach oben rasierten Augenbrauen wirkt sie wie eine leichte Beute, doch dieser Eindruck täuscht. Das muss ein Sozialarbeiter erfahren, der Lisbeth sexuell erpresst, als sie Geld von dem Konto abheben möchte, das er für sie verwaltet. Sie weiß sich auf grausame Weise zu wehren, und es ist Noomi Rapaces überzeugendem Auftreten zu verdanken, dass solche Szenen keinen schrillen oder peinlichen SM-Touch bekommen, sondern realistisch und hart wirken.

Aber sie kann auch anders. In den seltenen Momenten, in denen sie sich Mikael Blomkvist öffnet, wirkt sie wie eine Schülerin, die kokett ihre Wirkung testet und dann abrupt den Gedanken verwischt, sie könnte in ihren Lehrer verliebt sein. Michael Nyqvist, der in Deutschland als Chorleiter in dem Arthouse-Film "Wie im Himmel" bekanntwurde, hat es als Michael Blomkvist weit schwerer, Profil zu entwickeln - seine Rolle ist einfach zu geradlinig.

Beeindruckende Landschaftsaufnahmen - verschneite Wälder, pittoreske Brücken über sich schlängelnden Gewässern - bieten einen wohltuenden Kontrast zur düsteren Geschichte, die sich als Abstieg in die Hölle treffend beschreiben lässt.
 

Klaus Friedrich

01.10.2009 - aktualisiert: 01.10.2009 11:54 Uhr

 


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