Artikel aus der Filder Zeitung vom 06.10.2009

 

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Bewegung zwischen Hoffen und Bangen

Borna Die wirtschaftliche Zukunft des Landkreises Leipzig ist auf Wasser und Sand gebaut. Von Thomas Schorradt
 

Das Bild ist um die Welt gegangen: die Emmaus-Kirche auf der Landstraße, unterwegs zu ihrem neuen Standort. Das Heuersdorfer Gotteshaus, der ehemalige Mittelpunkt der letzten von 66 Gemeinden, die im Leipziger Braunkohle-Abbaugebiet "devastiert" worden sind, war im Sommer 2005 auf einen Tieflader gepackt und ins zwölf Kilometer entfernte Borna verlegt worden.



Die nach 750 Jahren des geduldigen Verharrens zu neuen Ufern aufgebrochene Wehrkirche ist zum Symbol geworden. "Heimat in Bewegung" lautet der Leitspruch, der die Aufbruchstimmung im neu geformten Esslinger Partnerlandkreis Leipzig in Worte fasst. Wie viel sich bewegt hat und immer noch bewegt, hat eine Kreistagsdelegation aus dem Landkreis Esslingen beim Kurzbesuch im Leipziger Neuseenland erfahren.



Da wären die Menschen. Sie haben sich zuerst bewegt. Die friedliche Revolution vom Herbst 1989 ist der eigentliche Anlass des Landkreis-Treffens gewesen. Im Gespräch mit Zeitzeugen und an den zentralen Schauplätzen der Wende in und um Leipzig ist der Geist des kollektiven Aufbruchs noch einmal lebendig geworden. "Die tolle Aufbruchstimmung", der Zusammenhalt, der die Gesellschaft damals angesichts eines Unterdrückungsstaates geeint hat, ist nicht nur von dem Leipziger Landrat Gerhard Gey wiederholt und eindringlich in Erinnerung gerufen worden.



Heute, 20 Jahre nach dem Aufbruch, droht die vielbeschworene Bewegung zu einer Rückwärtsbewegung zu werden. Die Zahlen sprechen ihre eigene Sprache. "Der Landkreis Leipzig verliert derzeit pro Jahr rund 2700 Einwohner", stellt der Kreischef nüchtern fest. Eine traditionsreiche Stadt wie Wurzen, der Geburtsort von Joachim Ringelnatz, ist binnen zweier Jahrzehnte von mehr als 20 000 Einwohnern auf 17 000 Einwohner geschrumpft. Wenn die Große Kreisstadt im Jahr 2011 ihre 1050-Jahr-Feier begeht, werden einer aktuellen Prognose zufolge nur noch rund 15 000 Wurzener mitfeiern.



Im Jahr 1989, unmittelbar vor der Wende, hatte die Braunkohle-Industrie in der Region noch 50 000 Menschen in Lohn und Brot. In dem Maße, in dem der Himmel über Europas einst schmutzigster Ecke heller geworden ist, sind auf dem Arbeitsmarkt die Lichter ausgegangen. Derzeit gibt die Kohle nur noch 3000 Menschen Arbeit. Und doch ist es gerade die Braunkohle, die dieser Tage die größte Bewegung im Leipziger Süden bringt. "Wir haben hier die größte Landschaftsbaustelle Europas", sagt der Landrat Gerhard Gey. Das Neuseenland wird, wenn es komplett geflutet ist, über 18 Seen mit einer Gesamtwasserfläche von 70 Quadratkilometern verfügen. Das Wasser ist das touristische Pfund, mit dem der Landkreis Leipzig in Zukunft wuchern will. "Die Dynamik rund um die Seen soll junge Leute anziehen", sagt der Landrat Gerhard Gey.



Das Stein gewordene Sinnbild für diese Hoffnung auf bessere Zeiten ist der Hafen von Zwenkau. Derzeit liegt das neu gebaute Hafenbecken noch auf dem Trockenen, rund fünf Meter über dem langsam steigenden, vom Grundwasser gespeisten Wasserspiegel. Es wird Jahre dauern, bis der Zwenkauer See die Hafenmauern erreicht hat und die ersten Boote am Quai festmachen werden. Damit hat der See das Zeug, neben der Emmaus-Kirche zum zweiten Symbol im Leipziger Süden zu werden. Es wird wohl auch noch Jahre dauern, bis der Landkreis Leipzig den sicheren Hafen erreicht haben wird. Es ist vor allem diese Erkenntnis, die die Gäste aus Esslingen mit nach Hause an den Neckar genommen haben - bei allem Respekt für das, was die Menschen aus dem Landkreis Leipzig in den vergangenen Jahren in ihrer Heimat schon in Bewegung gebracht haben.


 

06.10.2009 - aktualisiert: 06.10.2009 06:01 Uhr

 

 



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