Stuttgart - Am Dienstag hat Stuttgarts designierter Opernintendant Jossi Wieler (58) seine ersten Pläne vorgestellt. Präsentiert hat der Regisseur auch sein neues Team: Neben Sergio Morabito als Chefdramaturg werden diesem Eva Kleinitz als Operndirektorin und Andrea Moses als Hausregisseurin angehören.
Herr Wieler, Sie wurden schon mehrfach gefragt, ob Sie eine Intendanz übernehmen wollen. Warum haben Sie jetzt bei der Anfrage aus Stuttgart zugesagt?
Ich kenne das Haus mit seinen Strukturen seit 15 Jahren, ich weiß um sein großes künstlerisches und technisches Potenzial. 1994 hat Klaus Zehelein mich erstmals ans Musiktheater gebracht, seitdem arbeite ich hier mit Sergio Morabito zusammen, und die Kooperation gerade mit den großen Kollektiven des Hauses, also mit dem Orchester und vor allem mit dem Chor, hat mich so gereizt, dass ich der Berufung als Opernregisseur weiter gefolgt bin. Das kreative Potenzial in diesem Haus ist ein Schatz - auch im internationalen Vergleich. Und das Stuttgarter Publikum ist sehr offen.
Ihre Arbeit als Regisseur lebt maßgeblich von Dialog, Kommunikation, Kooperation. Kann oder sollte ein Intendant so auch arbeiten? Und wenn ja: wie?Wir wollen Geschichten von innen heraus erzählen und so die Stücke öffnen. Wir hören sehr intensiv in Musik und Text hinein und versuchen, für jedes Werk einen eigenen Raum zu finden. Diese Art zu denken tut sicherlich auch einem Intendanten gut. Auch als Theaterleiter baue ich auf Mitarbeiter, die in eigener künstlerischer Verantwortung für das Ganze denken und handeln.
Es geht Ihnen also um Inhalte, nicht um Formen oder um große, attraktive Namen. Genau. Unsere Ästhetik beim Inszenieren ist immer das Ergebnis eines künstlerischen Prozesses. Diesen Weg kann auch ein Theater gehen.
Was möchten Sie mit der und für die Staatsoper Stuttgart erreichen?Wir wollen für dieses wundervolle Haus wieder eine Unverwechselbarkeit, eine ganz eigene Identität schaffen. Deshalb soll meine ganze Schaffenskraft als Musiktheater-Regisseur künftig ausschließlich in Stuttgart stattfinden. Wir werden ein Ensemble aufbauen, in dem erfahrene Sänger ebenso vertreten sind wie junge Stimmen, die wir aufbauen. Und wenn wir Gäste einladen, dann sollen die immer wieder kommen. Andrea Moses wird als Hausregisseurin mit zwei Inszenierungen pro Spielzeit die Chance bekommen, die uns Klaus Zehelein damals auch geboten hat: hier zu lernen und sich zu entwickeln.
Also setzen Sie auf Dauer, auf Nachhaltigkeit...Ja, wir wollen den Opernbetrieb von innen heraus erneuern.
Passt das zusammen mit dem neuen Glanz, den die Politik von der Staatsoper erwartet?Ja. Wir setzen ganz auf unsere Arbeit, und ich glaube, dass unsere Konzentration auf dieses Haus etwas ist, das es früher - etwa in Wieland Wagners Neu-Bayreuth oder bei Felsenstein in Berlin - oft gab, das uns heute aber verloren gegangen ist. Weil wir dabei in Stuttgart nicht nur einen bestimmten Stil pflegen, sondern jedes Stück aus sich selbst heraus erzählen wollen, könnte etwas sehr Vielfältiges, Vielschichtiges entstehen - vor allem wenn sich die Arbeit dann und ständig weiter intensiviert.
Mit Eva Kleinitz haben Sie eine Frau als Operndirektorin verpflichtet, die in derselben Position zurzeit am Théâtre de la Monnaie in Brüssel arbeitet und zuvor bei den Bregenzer Festspielen tätig war. Sie soll Ihnen den Rücken freihalten. Was wissen Sie von ihr, und was kann sie?Was ich nicht kann und weiß, kann und weiß Eva Kleinitz. Sie ist sehr vertraut mit dem internationalen Musiktheater-Betrieb, und es ist ein echter Glücksfall, dass Frau Kleinitz schon in einem Jahr hierherkommen kann, um Vorarbeiten zu leisten. Außerdem wird Sergio Morabito als künftiger Chefdramaturg natürlich vor Ort sein und bei der Planung immer dabei sein. Ich bin ja in der laufenden Spielzeit als Regisseur noch sehr eingebunden.
Wie präsent werden Sie als Regisseur im Sprechtheater nach 2011 noch sein?In der ersten Spielzeit werde ich auswärts keine Arbeiten übernehmen, das ist nicht zu schaffen. Danach wird man sehen. Die Münchner Kammerspiele sind meine Theaterheimat, Priorität wird aber immer Stuttgart haben.
Wie groß wird Ihr Sängerensemble sein? Die genaue Zahl kann ich noch nicht nennen, und auf sie kommt es auch weniger an als auf die Chemie. Aber das Ensemble wird wohl etwa die Größe haben wie unter Zehelein und Puhlmann. Und die "altgedienten" Stuttgarter Sänger sind ein Kraftzentrum, auf das wir unbedingt setzen wollen.
An Stanislas Nordeys "Lohengrin"-Inszenierung entzündete sich ein grundlegender Konflikt zwischen dem Generalmusikdirektor Manfred Honeck und Intendant Albrecht Puhlmann. Haben Sie den im Hinterkopf, wenn Sie jetzt mit Honeck über eine Vertragsverlängerung verhandeln?Zu der genannten Auseinandersetzung kann ich nichts sagen. Wir haben aber schon ein erstes Gespräch mit Honeck geführt und müssen jetzt schauen, ob er jemand ist, der unsere Vision von Musiktheater teilen könnte. Das hat etwas mit der Anwesenheit vor Ort zu tun, aber auch mit der Arbeitsweise. Mit Honeck haben wir noch nie zusammengearbeitet, deshalb kann ich darüber noch nichts sagen. Aber er selbst hat uns signalisiert, dass er seine Arbeit in Stuttgart über 2011 hinaus gerne fortsetzen würde.
Haben Sie auch mit anderen Dirigenten gesprochen?Nein, noch nicht.
Und mit dem Orchester?Dazu war noch keine Zeit. Ich werde aber ganz bald mit dem Orchestervorstand zusammenkommen.
Welche Schwerpunkte werden Sie setzen?Wir wollen unser Repertoire sehr weit spannen. Aber natürlich werden wir zeitgenössische Werke zeigen, das 20. Jahrhundert wird mit Werken des Expressionismus und der zweiten Wiener Schule gut vertreten sein, Rameau lieben wir sehr, und an die Kooperation mit dem Ballett in Spucks "Orphée" wollen wir anknüpfen. Auch die Zusammenarbeit mit dem Schauspiel würden wir gerne intensivieren.
Wie präzise können Sie denn Ihre erste Spielzeit schon planen? Dann wird die Oper ja umgebaut . . .Da sind uns zurzeit leider noch die Hände gebunden - wir wissen ja noch gar nicht genau, ob und was und wann genau umgebaut wird und wie lange das Opernhaus geschlossen bleiben muss. An den Ausweichspielstätten hängt aber auch die inhaltliche Planung. Wir brauchen da rasch Klarheit.
Was wird mit der Jungen Oper? Neben den Institutionen Zeitoper und Opernstudio gehört sie zu den Gefäßen, die wir noch füllen müssen. Wir müssen gut überlegen, wie wir unsere Energien bündeln, damit auch diese zweiten und dritten Schienen noch Strahlkraft haben. Die Junge Oper ist uns sehr wichtig. Aber auch die Beschäftigung mit gesellschaftlichen Themen ist uns wichtig. Und vielleicht sollte man sich auch einmal nicht mit der Jugend, sondern mit dem Altern beschäftigen?